Theatermonologe

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Monolog I

Vieles ist zu sagen, vieles zu tun!

Viel Wut hat sich aufgestaut, viele noch nicht geholte Preise!

Freunde wurden verloren, andere blieben, manche verschwanden …

Es ist aufzuarbeiten, es ist abzurechnen!

Die Mächtigen tun, was sie wollen, es ist abzurechnen, mit dir selbst, mit deinen Freunden, auch sie untereinander. Die Begriffe sind hohl geworden, Aktionen, Tätigkeiten wissen nicht mehr wohin, deine Ziele wissen den Weg nicht mehr!

Manchmal weiß man nicht, wo man anfangen soll, greift aufs Geratewohl Wörter heraus.

Die Wörter finden ihren Weg, was zu sagen ist, wird gesagt.

Am besten gleich zur Sache kommen!

„Ohne große Worte zu machen“, würde man gern sagen, doch das „Wortemachen“ selbst ist ein großes Wort!

Groß, egal was du sagst!

Vielleicht besser aufhören! Sofort aufhören!

Tief Luft holen!

Für den Tag sammeln, an dem du wiedergeboren wirst!

Nicht zu früh gebären, der Natur folgen!

Warten, beobachten, sammeln!

Wenn der Moment da ist, geboren werden beim Gebären!

Entflammen-verschmelzen-sterben-geboren werden-sterben-geboren werden im Tanz des Kreises von Leben-Tod-Leben!

Jetzt ist die Zeit, zu sammeln und die neue Phase zu erkennen! Zeit zum Sammeln, um in einer neuen, anderen Situation in einem anderen Zustand geboren zu werden. Eine schwierige Phase. Sie erfordert Geduld, Ruhe und noch mehr Arbeit. So gilt es etwa, alles Gewohnte vollständig und unwiederbringlich zu entsorgen und zu einem anderen Zustand zu finden. Kreativ zu werden wie die Natur.

Jede originäre Phase hat ihre eigenen Formen des Kampfes! Manchmal still und leise … kreativ … fruchtbar … beständig … wie steter Tropfen den Stein höhlt!

Jüngst fanden Wissenschaftler heraus, dass sich in Regionen, wo die als Diktatur über alle anderen Arten dieser Welt herrschende Spezies Mensch alles Leben vernichtet hat, neue unbekannte Mikroorganismen entwickeln. Auf dem Grund der Ozeane, wo es keinen Sauerstoff mehr gibt. Entsteht neues Leben. Kurz, jetzt ist es Zeit, mit dem, was wir in Händen halten, neue Methoden zu entwickeln, wie die Natur!

Vorher aber, so scheint es, ist es Zeit, Geduld zu üben und zu sammeln. Sanft und sacht und in aller Ruhe. Zeit, brachzuliegen, zu hinterfragen, nach neuen Geburten zu suchen. Zeit, sich den Fehlern zu stellen und aufzuhören, uns zu glorifizieren. Zeit, sich wahrhaftig den Herrschaftszuständen ins uns zu stellen, die dem Unterdrücker gleich geworden. Zeit, mit der romantischen Schönfärberei aufzuhören, sich nicht länger verlogen aufzuputzen und künstlich aufzublasen. Zeit, sich von verfaulten Herrschaftszuständen zu lösen, sich vielmehr darauf vorzubereiten, wiedergeboren zu werden. Nichts läuft davon oder flieht, kein Grund zur Panik. Es hat immer Diktatoren gegeben und es wird sie auch weiterhin geben, bis die innere „Herrschaft“ bei den Unterdrückten begraben sein wird! Zeit, uns zu bemühen, die „Herrschaft“ in uns zu erkennen und zu verurteilen! Dann entstehen neue Wege.

Zeit der Untätigkeit! Schwere Zeit!

Monolog II

Haben Sie sich je gefragt: „Ist das mein Leben?“

Vermutlich sehr oft!

Aber sicher nicht so oft wie ich!

Jeden Tag, wirklich jeden Tag wer weiß wie oft!

Das klingt zwanghaft, nicht wahr?

Doch das ist es nicht!

Ja, ich denke, dies kann nicht mein Leben sein!

Ich bin jetzt in der Situation einer jungen Frau von dreiundzwanzig Jahren. Die Frau von über fünfzig lebt nur noch in meiner Erinnerung! In ihren Körper haben sich längst die Spuren des Alters eingegraben, sie verdorrt allmählich!

Wie auch immer, jetzt bin ich dreiundzwanzig. Wobei ich, warum auch immer, seit der Kindheit mit den Augen einer Alten schaue. Die Wörter einer Alten verwende. Ein Rätsel, ob das so ist, weil meine Freunde es sagen, oder ob ich es so empfinde, weil es tatsächlich so ist!

Ich bin gezwungen, ein neues Rätsel zu lösen, das ich als ältere Frau nicht mehr stemmen kann, doch ich vertraue auf meine Jugend.

Rätsel sind wichtig, das wissen Sie. Diese uns selbst gestellten Rätsel, die uns je nachdem, welche Lösungen wir finden, zu uns selbst machen, die Spiegel sind und uns bei uns anschwärzen, die die ganze Welt auf den Kopf stellen und uns die Ruhe nehmen … Diese Rätsel, die wir aufgestellt haben

  • Ja, Rätsel sind von ungeheurer Bedeutung! Und anders als es immer heißt, hat jedes Rätsel im Grunde nicht nur eine Lösung, sondern tausende.

Das Rätsel, das ich jetzt in meinem Alter lösen muss, lautet: An einem unmöglichen Ort in einer unmöglichen Situation eine bestmögliche Arbeit und Beschäftigung schaffen! Aus einer Saat, die auf Marmor fiel, Früchte ziehen! Welch ein Unsinn, nicht wahr? Aber genau das ist die Aufgabe! Das muss ich bewältigen. Dieses glänzende Stück Marmor, zu dem mich die Alternativen geführt haben,

für die ich mich auf die eine oder andere Weise entschied! Ich beschwere mich gar nicht darüber, doch wie soll ich das Rätsel lösen!

Um die Lage ein wenig verständlich zu machen, muss ich etwas in die Vergangenheit zurückgehen.

Im letzten meiner vorangegangenen Leben – bitte nicht mit Reinkarnation verwechseln! Ich rede vom letzten der verschiedenen Leben, die ich im Laufe eines einzigen Lebens geführt habe. Auch nicht von Lebensphasen innerhalb eines Lebens. Also, im letzten der vorangegangenen Leben, stank es in dem Haus, in dem ich mich befand. Es war dermaßen verrottet, dass man nicht mehr atmen konnte. Ein paar Freunde, auch ich, versuchten, die Fenster zu öffnen. Hätten wir uns bloß gar nicht abgemüht, hätten wir sie nur sich selbst überlassen. Doch nein, genau wie die Schlaumeier vor uns beharrten wir paar Oberschlauen darauf, im Haus zu lüften. Wir kennen keine Blumen außer Pilzen, auch sie sind herrlich, aber wir wollten unbedingt, dass auch andere, verborgen gebliebene, akut unter Atemnot leidende Blumen und Käfer hervorkämen. Oha, Sauerstoff, welche Riesengefahr! Kurz, wir gerieten bös mit den Pilz-Leuten aneinander. Klar, es herrscht ja eine tausendjährige Tradition des Verrottenlassens, also warfen sie uns hinaus. Und was für ein Rauswurf das war, über und über fügten sie uns Brandwunden zu!

Und jetzt sind wir Hinausgeworfenen gezwungen, das oben erwähnte Rätsel zu lösen!

Die Sprache, die nicht unsere ist, müssen wir zu unserer Sprache machen, den Ort, der nicht der Unsere ist, zu unserem Raum machen! Lös das, wenn du kannst! Alles ist ungewiss! In diesem Alter ist das Alter eine Qual!

Monolog III

Sind Sie je Ihrem eigenen „Brunnen“ begegnet? Meiner ist schwarz und tief. Man ertrinkt darin. Ich weiß nicht, ob ich davon erzählen soll. Soll ich Sie in den finsteren Brunnen mit hineinziehen oder lieber nicht?

Ach, hör auf! Jeder hockt im eigenen Brunnen. Keine Angst, du kannst niemanden ertränken, nicht einmal, wenn du wolltest, niemand kann in den Brunnen eines anderen eintauchen, höchstens einen Blick hineinwerfen … Und dann, ob ihm das klar ist oder nicht, kehrt er in seinen eigenen Brunnen zurück! Jeder ertrinkt im eigenen Brunnen!

Na, dann brauche ich auch nicht davon zu erzählen! Oder auch: Na, dann kann ich ja auch davon erzählen!

So wirr ist das!

Was steckt nicht alles in meinem Brunnen! Liebe, Verrat, Glauben, Unglauben … Wut, Rebellion … Gutes und Schlechtes … Wie bei jedem anderen auch …

Eines Tages aber stieß ich auf einen Brunnen, der noch düsterer, noch trüber war als meiner. Von dem will ich ein wenig berichten.

Es war reiner Zufall. Es schien reiner Zufall zu sein. Ich bin mir nicht sicher. Wann warst du dir denn je einer Sache sicher? Gab es überhaupt etwas wie „sich sicher sein“?

Unser Land ist für seine Picknicke berühmt. Wo sich ein Ufer findet, wird ein Grill angezündet und Picknick gehalten. Da alle sich für Palastadel halten, lässt man anschließend seinen Müll an Ort und Stelle liegen. Es wird ja wohl eine unsichtbare, unbekannte, nicht vorhandene Dienerschaft den hinterlassenen Abfall einsammeln. Na, und wenn nicht, dann eben nicht! Ungewiss, ob man je wieder dort hinkommen wird, und was schert es einen, wenn andere jenen paradiesischen Flecken aufsuchen, der nun in eine Müllhalde verwandelt ist!

Ich war also eines Tages, ich glaube, es war ein milder Frühlingstag, mit Freunden und Bekannten picknicken. Es gab ja praktisch jeden Tag Picknick! Vor den Augen die Binden einer perfekten romantischen, humanistischen Welt, und in Endlosschleife aus unseren Kopfhörern die Versicherung, wie großartig wir Menschen doch sind. Ich weiß nicht, wer wen hörte, wer wen sah. Wir glaubten, zu sehen und zu hören!

Aus irgendeinem Grund kribbelte es seit einer Weile immer mal wieder unter meiner Augenbinde. Es störte nicht allzu sehr, ich hielt es für einen technischen Defekt meines inneren Brunnens. Auch das kurze Flüsterrauschen im Kopfhörer verscheuchte ich und widmete mich weiter dem Picknick.

Da funkte auf einmal der finstere Brunnen von jemand anderem dazwischen. Er klang anders, ungewohnt, schien zu rufen. Doch wer könnte denn bei einem so herrlichen Picknick leiden, welch ein Unsinn! Ich nahm es nicht weiter ernst. Allerdings funkte der Ton auch bei den anderen Teilnehmern des Picknicks dazwischen, in unseren Liedern zeigte sich eine gewisse Unruhe. Erst gerieten die Noten durcheinander, dann ganze Melodien …

Das Ganze wiederholte sich mehrfach. Das Zentralorgan sah sich zum Eingreifen gezwungen. Augenbinden und Kopfhörer wurden ausgewechselt, schon fast waren wir wieder im Normalmodus, dann aber wieder … und wieder … und wieder …

Die Picknickenden überfiel Panik, wo war die gemütliche Harmonie nur hin, ja, hatte es sie je gegeben? Manche wollten es genau wissen: Was hatte es mit diesem Rauschen auf sich?

So ging der uralte Picknickplatz kaputt!

Monolog IV

Manchmal staune ich über jene, die aus vollem Herzen, aus vollem Mund lachen können, und beneide sie. Weil es offenbar auch andere Welten gibt.

Ich weiß, unser Lachen ist stets säuerlich. Meist folgt darauf ja auch sehr schnell das Weinen.

In unserer Region sterben die Menschen früh! Und nicht etwa wegen gesundheitlicher Probleme oder Mangel an Nahrung, nein, daran nicht!

Glücklicherweise ist der Boden bei uns gesegnet, man findet immer etwas zu essen.

Zu allen vier Jahreszeiten Früchte in den Bergen, Fische in den Meeren, Ähren in den Ebenen … Solidarität auf der Straße in den Städten …

In den letzten fünfzehn-zwanzig Jahren wurde allerdings reichlich Gift auf den Boden gestreut, nachbarschaftliche Unterstützung schwand zusehends, doch hungers sterben die Menschen nicht … Sie bringen sich um, weil man sie hungern lässt!

Sie sterben, weil sie „Nein“ sagen! Oder weil sie Angehörige von Menschen sind, die „Nein“ sagen!

Beinahe täglich wird eine Frau von ihrem Liebsten oder Ehemann, von dem sie sich trennen will, von ihrem um ihre „Ehre“ besorgten Vater oder Bruder ermordet! Die Machthaber mischen sich ein bei den Haaren der Frau, ihrem Rock, ihrem Lachen, der Art, wie sie sitzt! Mörder aber werden wegen „guter Führung“ im Nu aus dem Gefängnis entlassen.

Kinder sterben! Junge Leute, alte Leute sterben im besten Alter! Sterben vor Kummer über das Schweigen, die Feigheit! Kurz, bei uns sterben die Menschen früh!

Ich will es zu erklären versuchen:

Zum Beispiel sitzen in den Gefängnissen fast eintausend Babys mit ihren Müttern ein. Die Zahl hält sich seit Jahren konstant, mal sind es fünf weniger, mal zehn mehr. Sie kennen nichts außer acht Quadratmetern Betonfußboden, ein paar Sonnenstrahlen, die sich durch die hohen Gitter stehlen, ein zwei Betten, ein zwei Zellengenossinnen, falls die Mutter welche hat, und die Wärterinnen. Mal gibt es Milch, mal nicht. Der Mikrokosmos ist gewaltig! Sie lernen zu hoffen und zu warten.

Zum Beispiel treten Kinder in Grenzdörfern beim Draußenspielen auf eine Mine. Wenn sie Glück haben, kommen sie mit dem Leben davon und lassen nur Arme und Beine auf dem Feld, aber dadurch verlängert sich ihr Leben keineswegs!

Dort erschießt man die Kinder, erschießt sie wahrhaftig! Als jagte man Vögel oder Rehe! Sie sind ja nicht vom eigenen Blut, von der eigenen Sprache! Staatlich bestallte Jäger verantworten sich nicht! Fragt eine nach, landet sie mit ihrem Baby im Gefängnis! Ein Kind war inmitten von Protesten Brot holen gegangen, andere sind Kinder aus Dörfern, deren Sprache, Identität und Wählerstimmen ohnehin mit Verbot belegt sind, sie sind gar keine Erwähnung wert!

Manche Kinder werden von Panzerketten überrollt oder kommen ums Leben, weil Panzer ihr Zuhause zerstören, während sie schlafen. Es kommt auch vor, dass der Staat dann die Familien verurteilt, Entschädigung wegen „Beschädigung staatlichen Eigentums“ zu zahlen, weil Gerätschaften Kratzer davontrugen! Ist doch so, gehörst du zu jenen, die Nein zum Staat sagen, musst du dafür aufkommen, wenn gegen dich eingesetzte Geräte Schaden nehmen, Neinsagen muss einen Preis haben!

Kinder unbekannter Zahl fallen bewaffneten Auseinandersetzungen zum Opfer, die kleinen Körper mancher werden im Kühlschrank aufbewahrt, um begraben zu werden, sobald die Gefechte zu Ende sind …

Tatsächlich zählt jedes Einzelne, Name für Name … Jedes Einzelne, Name für Name … Hunderte …

Bei uns in der Gegend sterben die Menschen vor der Zeit! Und nicht gestorbene Kinder altern vor der Zeit!

Dann gibt es noch die sogenannten „unaufgeklärten Morde“! Die Familien nennen sie allerdings „Morde, deren Täter feststehen“! Menschen, die irgendwo von Geheimbeauftragten des Staates mitgenommen werden und auf Nimmerwiedersehen verschwinden … Jeden Samstag, in der ich weiß nicht wie viel hundertsten Woche, fordern Familien auf Plätzen mit Versammlungsverbot die Herausgabe der Gebeine ihrer Kinder … Dort bekommen sie Tränengas und Knüppel des Staates zu spüren, weil sie nach ihren vor Jahrzehnten entführten Kindern gefragt haben!

In den Gefängnissen sitzen auch kranke Häftlinge ein, jeden Alters! Vor Schmerzen können sie nicht einmal nach ihrem Wasserglas greifen. Doch um sich vor ihnen zu schützen, haben staatliche Stellen verfügt, dass diese Kranken allein in Einzelzellen einsitzen müssen. Selten lassen sie einmal einen kurz vor seinem Tod frei, um die Macht, Gnade und Güte des Staates zu demonstrieren!

Gleich darauf sind sie vergessen! Denn gleich darauf wurden andere umgebracht!

Um welche soll man trauern! Es kommt vor, dass elf Personen einer einzigen Familie ermordet werden! Man zwingt Menschen, sich bäuchlings auf den Dorfplatz zu legen, die Gendarmen des Staates trampeln ihnen auf den Rücken herum und brüllen: „Wir lehren euch die Macht des Staates!“ Gelingt es den Kindern dieser Leute nicht, dem Staat zu erklären, was sie quält, gehen sie in die Berge! Dann heißt es: „Terroristen!“

Warum?

Sie haben sich gegen den „Staat“ gestellt! Sie haben Rechenschaft gefordert!

Es ist kein Einzelfall, ständig reden sie davon, die Macht des Staats zu demonstrieren!

So ist es! Werden Sie nicht von jemandem umgebracht, sterben Sie vor Kummer über all das, was Sie mit ansehen müssen! Bevor Sie sechzig oder siebzig sind!

Bei uns in der Gegend sterben die Menschen früh!

Es lässt sich gar nicht alles aufzählen … Sie hören ja nur von den Bekannten! Von jenen unter

Millionen, die sich einen Namen gemacht haben. Die ermordet wurden, im Gefängnis sitzen oder im

Exil sind, weil sie sich widersetzt haben …

Bei uns in der Gegend sterben die Menschen früh!

Deshalb erscheint Fünfzig uns als alt! Gehören wir zu denen, die Nein sagen, sind wir ohnehin längst erledigt, bevor wir die Fünfzig oder Sechzig erreichen!


Nur wenn Sie zu jenen gehören, die „Ja“ sagen oder „Mhm, schauen wir mal“ oder „Weiß ich doch nicht, Vater Staat wird es schon wissen“, dann leben Sie länger! … Dann dürfen Sie unter Lobpreisung der vergangenen „hehren, schönen Zeiten“ Ihren Geist in weichen, aus Lügen gewobenen Daunen aufgeben!

Monolog V

Wie soll ich Ihnen von meinem Herzweh erzählen?

Das Herz tut nicht weh! Kein Organ tut weh! Es sendet bloß ein Signal ans Hirn wie: „Hier gibt es ein Problem, kümmere dich mal darum.“ Wir nennen das „Schmerz“. Andererseits übersteigt die Bedeutung, die wir Schmerzen beimessen, diese Art von „Schmerz“ um ein Vielfaches!

Das ist Unsinn, ich weiß; Organe tun nicht weh!

Warum aber tut mir das Herz weh? Warum schreit mein Herz so entsetzlich, als täte es weh?

Schwer … unendlich schwer … Sagen Sie, was Sie wollen, mir ist das Herz schwer … Viel schwerer als das Gesamtgewicht meines geschrumpften Körpers! Und es tut weh! Es ist so schwer wie der finstere Wahnsinn, der uns mit genagelten, eisigen Stahlketten überrollt, und zwar nicht einmal, sondern umkehrt, um uns erneut zu überrollen! Es wird verätzt wie die lavaverbrannten Zellen zerfetzter Seelen, über denen Säure ausgeschüttet wurde.

Es tut weh!

In gewissen Momenten zeigen sich sämtliche schwarzen Löcher des Universums Augen, die zu sehen verstehen! Die Augen sehen, dass all die schwarzen Löcher des Universums aus Entsetzensschreien bestehen, die sich zusammenballen, zusammenfügen, beieinander Zuflucht nehmen.

Wahnsinn wächst, je rationaler er wird; je mehr er frisst, desto rationaler wird er, wird fetter und feister!

Wahnsinn spritzt den Diktatoren über die Lippen. Wächst durch freiwilligen und unfreiwilligen Applaus aller Arten von Macht! Seine Saat geht auf in den Leibern vergewaltigter Kinder!

Um die schwarzen Löcher des Universums zu verstehen, muss man den Wahnsinn begreifen und die Muskelrisse im Augenblick der in alle Ewigkeit erstarrten und dadurch für immer gleich bleibenden Entsetzensschreie weher, schwer gewordener Herzen, die Wahnsinn erlebt haben! Bald im Schrei, der Erdbeben auslöst durch die schrillen Wellen eines vor Durst krampfenden Gewächses, bald in den Mienen ganzer Familien, die sich gemeinsam mit Zyanid vergiften im Kampf um die Bewahrung ihrer Würde, während sie vor den Mauern der Paläste Hunger und Elend leiden … Im verwirrten, verängstigten Blick eines Autisten, den sogenannte „Normale“ lautstark verhöhnen … In der aus Entsetzen gewobenen unschuldigen Einsamkeit eines Schizophrenen, der ins Haus gesperrt wurde, weil seine Hirnchemie anders sei … Im bis zum Zerreißen aufgerissenen Schnäuzchen eines von einem Reifen überrollten Eichhorns, in seinen ausgestreckten Krallen, als es die Pfoten verzweifelt reckte, als könnte es sich am Universum festhalten … In den offenen Schnäbeln von Vögeln, deren Flügel in abgefackelten Wäldern verbrannten … In Tuapse, in Deir ez-Zor, in Auschwitz, in Hiroshima, in Halabdscha, in Raʾs al-ʿAin …

In unzähligen weiteren Momenten und Gegenden des Entsetzens auf der Welt … auf allen nahen, fernen Kontinenten … in den verzweifelten Schreien all jener, deren Gräber zerstört werden …

Bei allen Entsetzensschreien sind die Mienen gleich!

In allen Zuständen des Wahnsinns ist das Grauen gleich! … Ist die Schuld allen gemein!

Wie und wo wird nur so viel Gift, so viel Hass fabriziert? Wie breiten sie sich gleich einem geheimen, heimtückischen Virus aus und befallen einen? Wie wachsen sie in dir, in mir und brechen in einem Augenblick der Blindheit hervor, wenn unsere Lauterkeit geschwächt ist? Sie machen uns Unterdrückern gleich. Tut all das nicht die von uns so hochgehaltene „Menschheit“?

Selbst der Wahnsinn ist wahnsinnig geworden, Sie etwa nicht?

Mir tut das Herz weh. Das Herz der Straßen, der Berge, der Eisberge, der Käfer und Insekten tut weh, es weint!

Jetzt kommen Fragen? Nicht weil ich etwas wüsste, vielmehr weil ich nicht umhin kann zu fragen!

„Hat nicht die Menschheit all dieses Grauen, dieses Entsetzen geschaffen?“

Das frage ich aus folgendem Grund: Die Mächtigen machen immer, was sie wollen! Was haben wir, die wir versuchen, ihnen Einhalt zu gebieten, versäumt, dass sie immer, über Jahrhunderte und gegen allen Widerstand weiter existieren, weiter an Macht zunehmen und ihre Finten variieren?

Meine inneren Labyrinthe können nicht anders als zu fragen: Können wir, wenn wir uns, neben den allseits bekannten Methoden, nicht wahrhaftig unseren eigenen kleinen Herrschaftsformen stellen, tatsächlich unsere großen Herrscher, unsere Diktatoren bekämpfen? Könnte es nicht sein, dass die „kleinen Herrschaften“, die wir mit hinter den Masken, unter der Schminke eines „romantischen Humanismus“ verborgenen „Heldentaten“ gebildet haben, diese Zustände des Wahnsinns befeuern – indem wir mit einer Art Spannungsabbau, einer Art Katharsis eine blitzblanke Läuterung vollziehen? Ich weiß, im Augenblick ist unsere gesamte Wertekette zerbrochen und nur dies ist uns geblieben, wie es scheint. Aber liegt nicht einer der Knoten der Sache genau hier? Könnte das nicht sein???

Könnte es nicht sein, dass wir, indem wir Helden schaffen und Helden folgen, ohne uns als Individuen unserer „Menschheits“-Realität gestellt zu haben, indem wir alle Helden sein wollen und hohle Kämpfe führen, Wasser auf die Mühlen des Sich-vom-Leid-Nährens und damit auf die Mühlen der Mächtigen gießen? Können wir nicht Wege jenseits von „Heldentaten“ und „Helden“ finden? Können wir uns daran machen, das Schweigen, das sich im Vertrauen auf die Existenz von Helden breit macht, zu brechen und umzuwandeln? Können wir aufhören, dieses System von großen und kleinen Heiligen ständig zu reproduzieren? Sind wir imstande, eine unterdrückerische Kette zu durchbrechen, indem wir bei uns selbst anfangen?

Diese Fragen dienen dazu, einen Moment innezuhalten, Luft zu holen und nach links und rechts zu schauen, während wir im brausenden aufgewühlten Strom auf Scheidewege zutreiben!

Was ich sagen will ist: Kann sich die Situation ins Gegenteil verkehren, wenn dieses Getriebe verschwindet? Könnten Stimmen mutiger ertönen, wenn sich alle gegenseitig ergänzen würden wie organische Reflexe, wenn nicht einige große Namen im Fokus stünden? Und nimmt nicht die Einsamkeit derer ab, die nicht „jeder für sich allein“, sondern in einer gemischten Menge entschlossen vorgehen, und die Wahrscheinlichkeit, dass man sie aufs Korn nimmt? Wäre es nicht effektiver, statt Einzelbeispielen den Widerstand von Millionen Namenloser in den Vordergrund zu stellen?

Wir haben so viele Freunde verloren … Die Bürde derer, die wir verloren haben, wiegt schwer! Unerträglich, sie weint seit Ewigkeiten.

So ist es …

ständig stelle ich Fragen!

Während Wahnsinn Wahnsinn gebiert …

während jeder in einem anderen Strudel des Wahnsinns rotiert …

Fragen paralysieren! Bald sind sie der Wind, der meine Segel bläht, bald der, der mich lähmt und blockiert. Ungewiss, wann welcher kommt.

Zweifellos hat es schon mal jemand gesagt, sicher spüren Sie es auch: Es ist schwer, der Unschuld in die Augen zu schauen. Ein Spiegel liegt darin, im Spiegel steht unsere eigene Schuld! Die Augen der Unschuld erzählen uns von uns … Wohl deshalb erfinden wir immer, wenn die Unschuld gemeuchelt wird, mit Verve Ausreden, wenden den Kopf ab, schauen in eine uns gewiesene andere Richtung. In unseren allermenschlichsten Kostümen … Fliehen deprimiert und so schnell es geht den Spiegel … Aus dieser Flucht speist sich der Wahnsinn, der sich mit Gier, Hass, der unumkehrbaren Gesamtheit der Lügen aufplustert! Ob der Horror dieses Schweigens nun zerreißt oder nicht, der Schrei des „Anderen“, der Schrei der Unschuld hat sich längst auf den Weg gemacht …

So ist es … Alle schwarzen Löcher des Universums entstehen wohl aus der Unschuld der Schreie, aus der dunklen Scham des Wahnsinns …

Kommt es Ihnen nicht auch so vor?

Diese Sache mit der „Herrschaft in uns“ ist nur eine der Problematiken, die wir lösen müssen. Seit Jahrhunderten listen wir sie auf .. Es sind so ungeheuer viele …

Da gibt es zum Beispiel noch die Sache mit der „Hoffnung“, die mir derzeit viel im Kopf herumgeht. Ich weiß nicht, ob ich in die Brunnen auf dieser Seite meines Labyrinths hinabsteigen soll oder lieber nicht. Tue ich es, entgleisen die Dinge vollends!

Aber die Neugier! Nun habe ich einmal die Nase hineingesteckt! Oh weh!

Der Begriff „Hoffnung“ lässt mich an Abwarten und Teetrinken denken, an Beten und unbekannte Mächte um Hilfe Bitten, daran, wieder und wieder das Eingefleischte herunterzubeten, das seit ewigen Zeiten schon gesagt wird.

Warum auch immer!

Im individuellen Leben ist „Hoffnung“ ein Hafen für unsere schlimmsten Momente der Schwäche … Ein Platz zum Ausruhen, um inmitten all der Gewalt weiter existieren zu können … Momente, um Wunden zu heilen und wieder aufzustehen … Soweit so gut! Doch sobald wir einen Schritt von uns selbst, von unserem individuellen Leben zurücktreten und auf die kollektiven Taten der Menschheit schauen …

Oh weh! Hoffnung? Keineswegs! Die kriecht bei mir sieben Meilen unter der Erde!

Vielleicht kämpfe ich, weil ich völlig verzweifelt bin! Renne mein Hirn gegen Wände und suche ständig neue Wege, weil ich überhaupt keine Hoffnung habe! Wege, die sich wohl niemals finden werden, solange die Menschheit ist, wie sie ist! Indem ich, soweit ich kann, Fragen an das Eingefleischte stelle, vielleicht ein bisschen verrückt … Ich schiebe die Hoffnung beiseite und frage: Wo machen wir Fehler, was kann man tun …

„Hoffnung ist das Brot der Armen“, sagt man bei uns. Mir scheint, wir brauchen mehr als Brot! Es kommt mir so vor, als könnten wir vielleicht eine neue Wertekette entwickeln, die keine Macht, keine Herrschaft verklärt, wenn wir nur unsere armselige Wirklichkeit in all ihrer Blöße sehen könnten!

Hat sich in dieses „vielleicht“ etwa ein Krümel Hoffnung eingeschlichen? Wir schleppen ja eine Kette tausendjähriger Werte hinter uns her, oder etwa nicht? Uns davon zu befreien, ist nicht einfach!

Wie auch immer, ich halte es für nützlich, Fragen an falsche Hoffnungen zu stellen. Wohl wissend, dass im vorhandenen System der Spezies Mensch auch ein Mechanismus für Grausamkeit vorhanden sein könnte.

Klingt das jetzt sehr gnadenlos? Finden Sie, dass ich übertreibe?

Ich weiß nicht … Ich weiß es wirklich nicht … Ich bestürme Türen, die sich möglicherweise öffnen, von

Fragen, die möglicherweise den irgendwo steckenden Fehler umkehren können … Auch auf die

Gefahr hin, dass es aus Sicht jener, die mitten im Kampf ums Überleben stecken, wie „intellektuelles

Geschwafel“ wirken könnte …

Pausenlos …

All das, alles hier mag nach Sackgassen aussehen, doch werden nicht mitunter neue Wege dadurch geschaffen, dass Mauern von Sackgassen niedergerissen werden? Dass die Mauern von Schimmel und Viren streuenden Sackgassen, die meist unbenutzt bleiben, weil es ja sowieso kein Wieder-Heraus gebe, bestürmt werden …

Die Entsetzensschreie in mir suchen nach Auswegen!

Die schwarzen Löcher aber werden tiefer und immer mehr …

Die Menschheitswelt steckt wieder einmal in einer ihrer Phasen des Wahnsinns! Die Spirale des Wahnsinns dreht und dehnt sich weiter und weiter! Die Entsetzensschreie werden schriller und schriller, dringen in den Schlaf! Die schwarzen Löcher des Wahnsinns werden tiefer, je mehr unschuldige Schreie sie schlucken, breiter, je mehr unschuldige Schreie sie schlucken, immer mehr, je mehr unschuldige Schreie sie schlucken!

Eigentlich wollte ich gar nicht von all dem reden … Ich hatte vor, auch von fröhlichen Dingen zu reden, doch in mir wollen die Krumen der Freude partout nicht zusammenkommen! Finden nicht zueinander, um ausgestreut zu werden! Im Grunde liegt es auch daran, dass mir einfach nicht gelingen will, an andere Dinge zu denken, so sehr ich mich bemühe …

So habe ich denn auch Sie mit einer schweren Bürde belastet … Vielleicht machen wir uns gemeinsam Gedanken! Schließlich existieren wir doch all dem Wahnsinn zum Trotz, werden auch weiter existieren und Stacheln sein auf den vergoldeten Sesseln, nicht wahr?

Das ist, was ich für den Augenblick sagen will!

Oktober-November 2019

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

Veröffentlicht bei:

Signum Blätter für Literatur und Kritik – Winter 2021

22. Jahrgang Heft 1

Seite: 52-63

ISSN: 1438-9355