Schriften zur Ökologie

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Ein paar Sätze zum Leben nach Corona

Pandemie!

Das Wort an sich ist erschreckend! Es steht für die finsteren, harten, bitteren Geschichten vom Tod im Gedächtnis der Menschheit. Erinnert an ihre verzweifeltes Aufgeregtheiten.

Ein erschreckendes Wort! Furchterregend!

Corona …

Woher kam es, wie hat es sich entwickelt, wie bricht es sich Bahn? Etliche Theorien sind im Umlauf.

Natürlich will ich nicht auf diese Theorien eingehen. Nennen wir diese kurzen Notizen in Form einer Einführung für meine – vor Jahren geschriebenen –  Schriften über die Diskussion ökologischer Perspektiven, die derzeit wieder aktuell sind, lautes Nachdenken über das Geschehen, um diese rasante Konfusion zu begreifen. („Rasante Konfusion“ trifft es nicht ganz richtig, es hat sich ja seit langem angekündigt, Schritt für Schritt, und hat die Menschheit aus Blindheit/Unbekümmertheit/Bequemlichkeit/Pragmatismus und tausend anderen Gründen wieder einmal kalt erwischt, das ist eine Diskussion für sich!)

Worum es in diesen wenigen Sätzen geht, ist nicht das Coronavirus, das wird man schon mit Maßnahmen irgendwie in den Griff kriegen, genau wie bisherige Seuchen auch. Hier geht es vielmehr um das, was das Virus offenbart hat!

Wir sind gar nicht in der Lage, unsere Tabletts und Smartphones aus der Hand zu legen!

Wir wissen, dass wir ständig unter Kontrolle stehen. Meist zensieren wir uns selbst!

Wie Bäche durch Dämme umgeleitet werden, werden wir von der digitalen Welt in eine andere Strömung, einen anderen Kanal geleitet! Passen wir uns dieser Strömung nicht an, werden wir isoliert und verdorren! Auch wenn wir im Grunde schon seit tausend Jahren so leben, können wir noch nicht vollständig erkennen, welche Früchte diese jüngste Umleitung zeitigen wird – auch weil der Anteil künstlicher Intelligenz dabei sehr hoch ist! Wir haben aber keine Zeit mehr, weiter über die Bildung neuer Werturteile zum Zusammenhalt der Gesellschaft nachzudenken, die die längst überkommenen wie „gut oder schlecht“, „richtig oder falsch“, „realistisch oder wahr“ ersetzen könnten, Ideen abzuwägen, zu analysieren und gemeinsame Beschlüsse zu fassen. Mit welchen Werten wurden und werden Algorithmen befrachtet, welche werden es in Zukunft sein? Krieg oder Frieden, Konkurrenz oder Solidarität, welche Art von Solidarität, hör dem Andersdenkenden zu oder vernichte ihn? Wer entscheidet wie worüber und nach welchen Kriterien, oder gibt es keine Entscheidungen mehr, hat sich die Entwicklung längst verselbstständigt und bringt sich nur noch selbst hervor? Fragen über Fragen! Die Strömung zieht alle rasch in sich hinein, wer zurückbleibt wird – nicht allmählich, sondern immer schneller – verdorren und verschwinden. Die Menschheit kommt bei dem Tempo dieser neuen Intelligenz, dieses neuen Organismus gar nicht mit!

Das sind keine neuen Erkenntnisse, es ist lediglich die Situation, deren Kommen  vorausgesagt worden war und in der wir jetzt mittendrin stecken! Eine Phase voller Ungewissheiten … Ein aus dem Gleichgewicht geratenes Gesellschaftsmodell, das immer tiefer in Ausweglosigkeit versinkt!

Auf die Gefahr hin, dass ich mich irre, will ich kurz festhalten, was mir mein Gefühl sagt. Die Lebensweise, die mit künstlicher Intelligenz beschäftigte Personen seit langem vorausgesagt hatten, steht nicht mehr vor der Tür, sie ist bereits in unseren Zimmern und Hirnen! Und zwar auf unsere freiwillige Einladung der digitalen Welt hin, an die wir uns in der Angst vor Einsamkeit, Leere, Kommunikationsmangel in der Phase der Isolation klammern. So sieht unsere Lage aus, und wir sind nicht auf die eine oder andere gute oder schlechte Weise hineingeraten, sondern notgedrungen!

Warum jetzt? Was hat dieses Timing zu bedeuten, von dem wir noch nicht wissen, ob es geplant oder zufällig ist?

Es fällt schwer, sich daran zu erinnern, auch wenn es noch nicht lange her ist, bemühen wir aber doch einmal das Gedächtnis für die Zeit vor ein paar Monaten. Nahezu in allen Ländern der Welt waren die unterdrückten breiten Massen, die Systemgegner auf den Beinen. Aus Dutzenden, Hunderten von Gründen … Und alle Unterdrückten der Welt hatten begonnen, zusammenzukommen und sich zu vereinen, mit Hilfe gegenseitiger Solidarität Breschen in die in ihrem eigenen kleinen Rahmen herrschenden Systeme zu schlagen. Breschen, die die Systeme arg in Bedrängnis bringen können, wenn auch wohl eher nicht „stürzen“.

In der Türkei steigerte sich der Kampf immer weiter, aller Repressalien, grundloser-unmotivierter Verhaftungen Oppositioneller und schwerer Schläge gegen die freie Presse zum Trotz. In Frankreich setzten die Gelbwesten das System unter Druck. Hongkong leistete hartnäckig Widerstand. Im Iran erkämpften Frauen immer mehr Rechte für sich. Der Beispiele sind viele, man braucht sie nicht alle aufzuzählen. Der Tanz gegen die Autoritäten unter dem Motto „Der Vergewaltiger bist du“, für den sich Millionen von Frauen auf den Straßen in aller Welt versammelten, reicht als Beispiel völlig aus. In Mexiko zogen sie gar vor die Tore des Justizministeriums.

Die Schwelle der Angst war längst überschritten!

Da kam Corona!

Eine dys-utopische experimentelle Simulationsphase gesellschaftlichen Lebens! Wieder eine Phase der Isolation! Ob richtig oder falsch, nötig oder unnötig, aber eine Art gesellschaftlicher Hysterie!

Das ist eine Methode, die in der Türkei – und wohl auch in zahlreichen anderen repressiven Staaten – häufig angewendet wird. Wo große Menschenmengen sich zu versammeln beginnen, sorgt der Staat für Agenden, die das Zusammenkommen zerschlagen. Und die Menschen, die sich ob kleiner Differenzen nur noch miteinander beschäftigen, schaffen es für lange Zeit wieder nicht, zusammenzukommen. Bei diesen Tricks fragen viele Menschen sich jedes Mal unwillkürlich: „Was ist es, das diesmal vor den Augen der Massen verborgen gehalten werden soll?“

Über das, was den Blicken entzogen wird, hinaus gewinnen die Herrschenden Zeit, um neue Finten zu organisieren und sich zu erneuern. So geht das immer weiter.

Seit den ersten Tagen der Coronakrise geht mir diese Sache im Kopf herum, warum auch immer.

Gerade als die Unterdrückten der Welt zu interagieren und sich ohne Plan und Programm aber mit einer Art Wind der Zeit gemeinsam gegen autoritäre Modelle, gegen nicht länger haltbare Prämissen des Kapitalismus zu stellen begannen …

Die Staaten öffneten ihre Säckel. Natürlich in guter Absicht! Unter der Bezeichnung „Rettungshaushalte“ wurde an die Bevölkerung ausgeteilt. Und wenn es vorbei ist, werden die Menschen sagen: „Wie gut, dass wir unseren Staat haben, er hat uns nicht vergessen, hat dafür gesorgt, dass wir am Leben und auf den Beinen bleiben! Danken wir dafür!“ Vermutlich wird niemand sagen: „Das hattest du mir mit meiner Zustimmung abgenommen, um unsere gesellschaftlichen Bedürfnisse zu stillen, ich werde dir nicht dafür danken, dass du es mir zurückgegeben hast!“

Das System hat wieder einmal Zeit gewonnen, um sich zu erneuern. Ich werde mich  selbstverständlich nicht zu Verschwörungstheorien versteigen und behaupten, dazu wurde Corona aufs Tapet gebracht, möchte aber doch sagen, es sieht so aus, als mache man es sich wunderbar zu Nutze. Freiwillige Isolation aus Angst um das Leben … Ich weiß nicht, ob es ein besseres Mittel geben könnte, um solidarische Netzwerke zu zerbrechen!

Diese Sache beschäftigt mich sehr.

Ja, es sieht so aus, als habe weltweit die Natur aufgrund der Einschränkung von Reisen und Flügen und der Reduzierung des Konsums auf die Grundbedürfnisse ein wenig Atem geschöpft. Das ist noch die positivste Seite an der Sache! Doch wer kann garantieren, dass nach dem Ende solcher Krisen nicht ganz im Gegenteil viel größere Probleme auftauchen, dass beispielsweise der Konsum explodiert, es schwieriger wird, sich neu zu organisieren, Sicherheitspolitiken schärfer werden, damit eine neue komplizierte Aufrüstungswelle einhergehen und repressive Regimes nur noch hemmungsloser vorgehen werden, solange gegen die Konsummechanismen kein neuer Prozess des Hinterfragens entwickelt ist, keine Diskussion über eine radikale Änderung der Konsum-, Kommunikations-, Governance-Gewohnheiten geführt wird?

Wie wird die Menschheit diese Phase überwinden und in welche Richtung transformieren? Das ist die Frage! China entwickelt eine Methode, Neuseeland ebenfalls. Es gibt weitere kleinere und größere Experimente. In Brasilien, in Nordsyrien … In unzähligen bekannten und unbekannten Gebieten. Vermutlich wird sich der Diskussionsbereich der neuen Welt auf die Suche nach neuen Wertesystemen konzentrieren.

Quasi in Voraussicht auf solche Zeiten werden ökologische Lebensmodelle, die bisher zwar nur unzureichend und in kleinem Rahmen entwickelt werden konnten, seit langem diskutiert. Leider wurden sie als sehr „naive Ansätze“ befunden, während das System uns mit Bulldozern plattmachte! Es heißt zwar, sie seien wichtig, doch mit einer Ernsthaftigkeit, die eine Entsprechung im Leben daraus hätte machen können, wurden sie nie geprüft. Die bei den Weltklimagipfeln von den Systememachern erzeugte Manipulationsspirale überließ die Diskussionen wiederum der Kontrolle des Kapitals, verhinderte tiefergehende Arbeiten und lenkte die gesamte Produktionskette mit der Rüstungsindustrie an der Spitze, ohne die Wachstumswirtschaft auf den Prüfstand zu stellen, in Richtung palliativer Lösungen, die den Kern der Sache verschleiern. Außer Betracht blieb, dass Ökologie ein interdisziplinäres Gebiet ist, das von Wirtschaft zu Governance-Wissenschaften, von Natur/Physik/Biologie bis zur Soziologie reicht, man machte es sich einfach und behandelte sie lediglich im Hinblick auf Umwelt- und kulturelle Probleme.

Auf dem Gebiet der Ökologie zu arbeiten, ist wie gegen den Strom zu rudern. Ohnehin versuchten Personen, die wissen, dass die Entstehung ökologischer Modelle das System bis ins Mark treffen wird, Hindernisse aufzubauen. Doch leider sorgt es auch für erhebliche Untiefen bei den Arbeiten, dass Unterstützer*innen die Sache geringschätzen und auf die lange Bank schieben!

Heute stehen wir an einem Punkt im Leben, da aufgrund der sozialen Isolation alle Bereiche, vor allem der gemeinsamen Widerstands, unter Kontrolle der digitalen Welt stehen und das Organisieren von Widerstand aufgrund von Kontrollmechanismen weit schwieriger ist, obwohl es dank der Chancen, die die digitale Welt bietet, paradoxerweise einfacher geworden zu sein scheint!

Auch wenn es so aussieht, als wäre es zu spät, ist vielleicht doch gerade jetzt die Zeit, den Film ein wenig zurückzuspulen, das uralte Wissen und bislang angestellte ökologische Arbeiten noch einmal zu überprüfen, die Spreu vom Weizen zu trennen und sich auf die Suche nach einem neuen Modell zu machen!

Oder sagen Sie jetzt wieder: „Ein sehr naiver Vorschlag“? Oder „utopische Texte“? Möglicherweise!

Die nachfolgenden, 2011-2014 entstandenen Notizen sind gekürzte Versionen von Arbeiten über die Suche nach einem interdisziplinären Modell anhand einer solidarischen Ökonomie, nach neuen Gesellschaftsverträgen und nach radikaler Demokratie auf kommunaler Ebene gegen repressive, zentrale Strukturen und die Werte der Konsumgesellschaft. Herausgekürzt wurden vor allem Details theoretischer Ausführungen und auf eine bestimmte Region bezogene Vorschläge zur praktischen Anwendung. Neben den hier genannten wurden zahlreiche weitere Quellen konsultiert, dabei habe ich mich bemüht, den Leitlinien bereits entwickelter Ideen möglichst treu zu bleiben.

Bei den hier formulierten Ansichten handelt es sich zwar um Texte, die aus einer lokalen Situation heraus verfasst wurden, nämlich um die Suche nach einer demokratischen Lösung für die kurdische Sache, die zu den Schlüsseln für den Frieden im gesamten Mittleren Osten gehört. Da das behandelte Streben nach einem ökologischen Lebensmodell im Einklang mit der Natur aber in direktem Zusammenhang mit Problemen wie dem globalen Klima steht, führt es die Liste jener Themen an, die als Hauptproblematiken der ganzen Welt angegangen werden müssen.

Ich hoffe, diese Schriften öffnen trotz all ihrer Fehler und Mängel einen Spalt breit die Tür zu Idee und Praxis, wie das Leben auf ökologischer Basis neu aufgestellt werden kann, und tragen dazu bei, dass all die wertvollen Arbeiten, die in diesem Bereich überall auf der Welt bereits angestellt wurden, von Neuem erörtert und neue Ideen hervorgebracht werden.

Nürnberg, 20. März 2020

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

Schriften zur Ökologie I

Notizen über das ökologische Paradigma für den Aufbau eines freien demokratischen Lebens

Diese Aufzeichnungen begannen an einem langen, grauen, kalten Wintertag mit dem, was mir ein Schmetterling, der sich im Geburtstag geirrt haben musste, ins Ohr flüsterte. Er hatte sich auf meine Schulter gesetzt, als die von chemischen Waffen geschwärzten Körper unter Tränengas und Getriller[1] in den Schoß von Mutter Erde gebettet wurden. An einem langen, heißen Sommertag endeten meine Notizen und nachdem ich beschloss, sie mit anderen zu teilen, sind Sie nun bei Ihnen zu Gast.

Die Erde war hart, wie um sich gegen die Ankunft der jungen Leiber zur Unzeit zu wehren. Als Reaktion auf die Klage einer Mutter: „Ey, Erde, bist du noch immer nicht satt, hast du noch immer nicht genug?“, wehrte sie sich, ihren Schoß zu öffnen.

Die Massen strömten herbei. Strömten dem Tränengas, den Knüppeln, den Wasserwerfern des Unersättlichen zum Trotz. Der verirrte Schmetterling hauchte seinen vom Gift getroffenen letzten Atem aus. Er kippte von meiner Schulter und wurde von den Füßen der vor Leid blinden Menschen in die Erde getreten. In jenem Augenblick, der nach menschlichem Empfinden Jahrhunderte dauerte, erzählte er alles, was er wusste, gesehen und zusammengetragen hatte, so dass ich es verstehen konnte.

Warum wirft ein Volk sich von einem Feuer ins andere? Wie erkennt es im Kreislauf von Leben-Tod-Leben den Weg der Chaosspanne und wie begibt es sich von dort aus in eine neue Transformation, koste es was es wolle? Welchen Punkten in Evolution, Revolution entspricht diese Transformation?

Die Antworten sind ebenso kompliziert wie die Fragen, aber auch ebenso schlicht, sie schlüpfen durch die Tausenden Türen der Relativität und bewegen sich an der Grenze von humaner Erfahrung, Wahrnehmung und Bewertung.

Jede Existenz bietet dem Universum eigene Werte dar. Ihre Wahrheit, die sie aus dem Auftauchen, dem Pflegen, der Bejahung dieser Werte entwickelt hat, verurteilt den Akt des Ignorierens. Außerhalb der ganzheitlichen Transformation tilgt das Ignorieren auch nur einer einzigen Existenz um des illusorischen Nutzens einer anderen willen eines der Konzepte für das Leben. Dadurch nimmt die universale Harmonie Schaden. Nehmen die Verletzungen zu, nimmt die universale Ganzheit immer mehr Schaden.

Manche ignorierte Existenzen kapitulieren notgedrungen. Andere Existenzen verweigern sich der Kapitulation und lehnen sich auf. Jene, die das Leid, ignoriert zu werden, kennen, sammeln sich wie magnetisch angezogen, wie auf den Ruf der universalen emotionalen Intelligenz hin, um ein Energiebündel, einen Genius mit hervorragenden analytischen Fähigkeiten. Sie sind Adepten. Adepten folgen Adepten. Mit kollektivem Verstand, kollektivem Gefühl, kollektiver Leidenschaft. Wie unsichtbare, unfühlbare, schwer zu begreifende Strahlennetze umhüllen sie den Vernichter und treiben ihn aus.

Gefechte, Kämpfe …

Stockfinster, totenstill, Sinne und Gefühle stumpfen ab. Die einzige Chance des in eine neue Phase der Balance im Chaos hineingezogenen Despoten ist es, durch diese Phase hindurchzugehen. Dort wird Versöhnung hergestellt, werden die Wege für wahrhaften Frieden gebahnt.

Aufbauphasen des Friedens sind Zeiten, in denen man die universale Harmonie nicht vergessen darf. Zeiten, in denen wir uns daran erinnern müssen, welche Werte unsere Existenz hat, wer wir wirklich sind, welchen Atem wir der universalen Ganzheit geben, warum wir kämpfen.

Der letzte Atemzug des Winterschmetterlings flüsterte uns zu, dass wir auch diese Zeiten erreichen werden.

Und jetzt versuchen wir, die wahren Werte der universalen Ganzheit, die wir Natur nennen und die wir seit etlichen tausend Jahren verloren hatten, erneut ans Tageslicht zu holen. Wir streben an, die weibliche Existenz zu revitalisieren, die unter der Herrschaft männlicher Denkweise und von den Prozessen, da der Mensch sich selbst ins Zentrum stellte, verdeckt worden war.

Wir versuchen, die Freiheiten, die wir verloren haben, wieder aufzubauen.

Wir bekennen, dass wir das Wissen darum verloren haben, dass das Universum ein ganzheitlicher Garten ist, dass jede verlorene Existenz ein verlorener Wert ist, dass wir den Menschen ins Zentrum gestellt und uns auf Speziesismus kapriziert haben, und zwar auf die Hörigkeit gegenüber der Überlegenheit der menschlichen Spezies und zwar der männlichen Gattung. Wir sagen, dass es Lebensformen gibt, die zum Uniformismus des seit Jahrtausenden Aufgezwungen, der herrschenden Rasse, der herrschenden Geschlechter, der herrschenden Staaten verurteilen und dass es genau dies ist, was sich ändern muss.

Dieser Diskurs, der erst mit reichlicher Verspätung Konsens in der Gesellschaft werden soll, und der Aufbau einer demokratischen, ökologischen Gesellschaft mit Geschlechterbefreiung, die wir für alle Völker und Kulturen, allen voran die Völker Mesopotamiens, empfehlen, erfordern es, das Leben in vielerlei Aspekten grundsätzlich zu hinterfragen.

Dazu gehört es beispielsweise:

  • den anthropozentrischen Speziesismus infrage zu stellen, sämtliche existenziellen Werte der Natur als universale Ganzheit schlechthin aufzufassen;
  • die Konsumökonomie infrage zu stellen; die Konsumgesellschaft zu hinterfragen, die die gesamte Menschheit, allen voran die Frau, die gesamte Natur, kurz alle Existenzen im Rahmen einer Philosophie des „Nutzens“ zu einem Instrument der Fortsetzung der Macht der Herrschenden macht. Das von der Konsumgesellschaft aufgezwungene Verständnis von „Bedürfnissen“ zu revidieren;
  • das Phänomen der „Inbesitzname“ von Mensch und Natur durch Menschen zu hinterfragen;
  • die Abwertung von Arbeit, die Expertisierung der Produktion, die Entfremdung vom Produktionsprozess zu hinterfragen;
  • die Wissenschaftsphilosophie zu hinterfragen, die von Naturgesellschaften über das Leben formulierten kulturellen Erfahrungsschatz herabwürdigt, und die Bildung von Macht durch  Hegemoniestrukturen auf Grundlage der Expertisierung von Wissen infrage zu stellen

Nach dem Hinterfragen etlicher ähnlicher Punkte folgen Empfehlungen, kurzgefasst:

Das demokratisch-ökologische Paradigma mit Geschlechterbefreiung

  • verurteilt hierarchische, nach Macht strebende Haltungen;
  • lehnt eine Auffassung von „Eigentum“ ab, bei der die Versklavung von Mensch und Natur unausweichlich ist;
  • entwickelt die Philosophie einer Gesellschaft ohne Staat, einer Welt ohne Grenzen, einer Selbstverteidigung ohne Armee;
  • begegnet allen Wesen in der Natur mit Respekt, bejaht alle Existenzen in Harmonie mit den universalen Gesetzen auf der Grundlage von Gleichheit und Ganzheitlichkeit.

Der Kampf, der Tränen, Schreie, Blut, Schweiß, Gift, Tod und Albträume brachte und der heute seine Methoden ändert, entstand aus der Ablehnung der Herrschaft der Mensch und Natur versklavenden, hierarchischen, nach Macht strebenden männlichen Geisteshaltung über das Leben, die seit Jahrhunderten kollektive, kulturelle Eigenheiten ignoriert. Der neue politische Prozess dagegen lässt sich als Reparatur der unterbrochenen Spuren des kulturellen Gefüges und Änderung der Mittel zur Ausdehnung der Freiheitsräume formulieren.

Diejenigen, die sehen, dass sich die Türen des Friedens öffnen, tragen eine ungeheure Verpflichtung. Sie sind jenen gegenüber verpflichtet, die Leviathan zügeln und stolz mitten ins Feuer marschieren. Sie sind dazu verpflichtet, die mit der universalen Ganzheit verschmolzene Existenz in alltägliche Praxis umzusetzen und  den seit Jahrhunderten verinnerlichten „Drang der Staatenbildung“ abzulegen.

Die herkömmliche, allseits bekannte Wissenschaft sagt, die wichtigste Erfindung der Menschheit sei das Rad gewesen. Lassen wir die Diskussionen über den „Superlativ“ des auf Konkurrenz angelegten Wissens beiseite, warum sollte diese Erfindung nicht der Spiegel sein? Selbstverständlich lässt sich der große Wert des Rades nicht leugnen, hat es der Menschheit nicht „Geschwindigkeit“, Technologie zur Modernisierung der Sklaverei und statt Solidarität die Wettbewerbskultur gebracht? Der Spiegel dagegen könnte uns womöglich mit unseren überkommenen kulturellen Chiffren zu uns selbst bringen, dazu, uns mit uns selbst zu konfrontieren, die tausenderlei Aspekte der Wahrheit zu sehen, aufzudecken, unser Verständnis von Gerechtigkeit auf einen kollektiven, kommunalen Boden zu stellen und unsere Auffassung vom Teilen zu erweitern.

Was uns zu diesem Spiegel, zur Umwandlung der kapitalistischen Moderne der Sklaverei in die demokratische Moderne und zum Gipfel all der Kämpfe bringen wird, ist unser ökologisches Paradigma, dessen Grundsätze ich oben in Schlagworten darzustellen versucht habe.

Die ökologische Denkweise ist in der Lage, den Flügel eines Schmetterlings, das brennende Herz einer Mutter, den  Weg eines Schneeglöckchens durch Schnee und Eis zur Sonne und damit zur Selbstverwirklichung zu vernehmen. Sie kann den Sturm in klarem Wasser, den Aufstand von Liebe und Leidenschaft, die reinigenden Flammen des Feuers sehen. Sie ist der berauschende Tanz der Existenz.

Das Universum liebt seine sich selbst hervorbringenden rebellischen Kinder. Es kennt sie von sich selbst. Ihre Namen schwingen in der Tiefe weiter, um wieder hervorzukommen, wenn es an der Zeit ist.

Ich denke, wenn es uns gelingt, den Rhythmus des universalen Tanzes zu erhaschen, können wir unsere Schuld diesen Kindern gegenüber abtragen.

2011-2012


Schriften zur Ökologie II

Hinterfragung des Speziesismus“, die Werte in sämtlichen Wesen der Natur als universale Ganzheit per se auffassen – Notizen

„Ein Stein weint vierzig Jahre, wenn du ihn von seinem Ort versetzt, sagt man“

Galbı, tuwinischer Schamane

Kennen Sie den Vogel Waldrapp? Den Schmetterling Boloria caucasica?? Die Kaiserkronenpflanze??? Und vieles vieles mehr …

Diese und viele viele weitere gehören zu jenen, die wir in die Emigration zwangen, zu denen, die wir verloren aufgrund der Tätigkeiten, die der Mensch um seiner „Bedürfnisse“ willen ausübt … die wir verloren, die wir verloren gehen ließen …

„Und jetzt versuchen wir, die wahren Werte der universalen Ganzheit, die wir Natur nennen und die wir seit etlichen tausend Jahren verloren hatten, erneut ans Tageslicht zu holen. Wir streben an, die weibliche Existenz zu revitalisieren, die unter der Herrschaft männlicher Denkweise und von den Prozessen, da der Mensch sich selbst ins Zentrum stellte, verdeckt worden war.

Wir versuchen, die Freiheiten, die wir verloren haben, wieder aufzubauen.

Wir bekennen, dass wir das Wissen darum verloren haben, dass das Universum ein ganzheitlicher Garten ist, dass jede verlorene Existenz ein verlorener Wert ist, dass wir den Menschen ins Zentrum gestellt und uns auf Speziesismus kapriziert haben, und zwar auf die Hörigkeit gegenüber der Überlegenheit der menschlichen Spezies und zwar der männlichen Gattung. Wir sagen, dass es Lebensformen gibt, die zum Uniformismus des seit Jahrtausenden Aufgezwungen, der herrschenden Rasse, der herrschenden Geschlechter, der herrschenden Staaten verurteilen und dass es genau dies ist, was sich ändern muss.“*

Der Weg zum „uniformen Lebenssystem“, das die Menschheit und die Natur seit Jahrhunderten im Griff hat und mit dem Nationalstaat seinen Gipfel erreichte, das wir heute transformieren wollen, war sehr lang und bitter. Das Leben im Nationalstaat wurde um das künstliche Glück einer Handvoll Herrschenden willen für Millionen zu einem mühseligen, kräftezehrenden Leben. Schließlich war die gleich einem Aufschrei vielfach beschworene „Nachhaltigkeit“ diesmal tatsächlich aufgezehrt.

Aus diesem Grund leben wir seit Jahren in einer „historischer Umbruch“ genannten schmerzlichen Phase. Das treibt die markerschütternde Suche der Herrschenden, derer, die das System am Laufen halten, nach Erneuerung und Sanierung weiter an.

Mittlerweile ist offensichtlich, dass diejenigen, die das „verlorene Paradies“ und kommunale Freiheit suchen, weitaus besser gerüstet sein müssen, damit durch diese schmale Chaosspanne der Ausstieg gelingt.

Schauen wir aus der Sicht der heutigen kapitalistischen Moderne zurück in die Vergangenheit, ist es zwar schwierig zu analysieren, was genau in den einzelnen Phasen geschah, doch wir sehen, die Errichtung der Herrschaft begann damit, dass beim grundlegenden Wandel in den Naturgesellschaften der Mensch sich über die anderen Existenzen stellte. Die Abschaffung des Wissens, dass sämtliche Elemente, ob groß oder klein, in der Natur einen Wert haben, und der Übergang zu monotheistischen Religionen, die alle Existenzen nach dem Motto, sie seien für den Menschen geschaffen, in den Dienst des Menschen stellten, treten uns als Gipfel dieser Stufe um Stufe entstandenen Überlegenheit vor Augen.

Die Götter und ihre Nachfolger, die monotheistischen Religionen mit einem männlichen Gott, verbannten die Göttinnen, die symbolisch für die Natur und den Einsatz für sie stehen, bis auf Weiteres in die Tiefen der Geschichte, unterstellten die Natur – und selbstverständlich auch die Frau und das produktive weibliche Leben – brachial dem Gebrauch durch „den Mann“, vertrieben sie aus dem Paradies und wurden zu einem der Schlusssteine, die uns die Herrschaft der heutigen Macht, die Hölle und Macht der heute Herrschenden beschert haben.

Dieser vielfach außer Acht gelassene Punkt ist von enormer Bedeutung bei den Prozessen des Aufbaus der demokratischen Moderne und insbesondere bei der Etablierung der ökologischen Perspektive.

Ein wichtiger Defekt unserer Wahrnehmung, den wir loswerden müssen, ist die Illusion, die Spezies Mensch sei den anderen Arten überlegen.

Die Überwindung dieser Illusion wird sowohl die Hierarchiekette unter den anderen Existenzen in der Natur aufbrechen wie auch für echte Gleichberechtigung aller Menschen sorgen, die zwar ständig im Munde geführt wird, aber keineswegs verinnerlicht ist.

Die herkömmliche Wissenschaft, die seit Jahrhunderten ihre Existenzberechtigung daraus zieht, die Herrschaft „des Mannes“ zu stärken, nährte vor allem die Ängste des schwachen Menschen gegenüber der Natur weiter. Sie entwickelte eine symbiotische Beziehung zu aus Ängsten geschaffener Herrschaft. Ihre Bestrebungen, die Natur zu verstehen, sind darauf gegründet, sie zu überwinden, sich untertan zu machen und zu benutzen. Die zur Durchsetzung der Herrschaft dieser Spezies im Universum hervorgebrachte zerstörerische männliche Macht hat, ungeachtet des Wissens, dass andere belebte und unbelebte Existenzen über anders gelagerte Sensibilitäten verfügen, mit Wahnbildern wie, nur der Mensch denke, nur der Mensch benutze Werkzeug, nur der Mensch fühle, in der Natur besitze nur der Mensch Intelligenz, seine eigene Intelligenz herabgewürdigt.

Und die Gesetze der Existenz in der Natur wurden dem Menschensohn zum Rätsel, den Frauen aber zu Vertrauten. Heilende Frauen wurden als Hexen, Menschen, die von Naturkräften Hilfe beziehen, als merkwürdige Wilde oder Primitive abgestempelt.

Die Konzepte der Natur haben ihre Existenz insgeheim aus den Tiefen der Geschichte bis heute durchgeschleust. Sie verbarg sich in der Kabbala der Juden, bei den als Hexen verbrannten heilkundigen Frauen der Christen, als „Geheimkräfte“ in den Schreinen der Muslime. Sie flüchtete sich in die Hochgebirge der Welt, in die für die Zivilisation unzugängliche Freiheit der Berge, in den Symbolismus der Märchen. Sie verbarg und versteckte sich.

(Selbstverständlich bleibt nicht unbemerkt, dass die kapitalistische Moderne versucht, ihre Stagnation zu überwinden, indem sie das uralte Wissen nach eigenem Dafürhalten aktualisiert und auf die Agenda setzt. Weisen darauf nicht auf Magie bauende Werke wie „Der Herr der Ringe“, „Harry Potter“ oder „Merlin“, die seit Jahren auf den Bestsellerlisten stehen, vom System eingerichtete „Öko-Dörfer“ und Ähnliches mehr hin?)

„Ihr könnt die Vergangenheit nicht ausmerzen, sie verbirgt sich in den Tiefen der Geschichte, um eines Tages wiederzukommen.“

lateinamerikanisch-indianische Weisheit

Heute reden wir endlich mit lauter Stimme von den Rechten von „Mutter Erde“. Wir erkennen, dass die Verletzung jeden Stücks Natur um der Konsumgewohnheiten des Kapitalismus willen der Verletzung eines Organs von uns selbst gleichkommt, dass wir auf diese Weise verwundet und verletzt in die Gegenwart gelangt sind.

 „[Wir sind] überzeugt, dass es nicht möglich ist, in einer untereinander abhängigen und lebendigen Gemeinschaft nur die Rechte der Menschen anzuerkennen, ohne das Gleichgewicht innerhalb der Mutter Erde zu stören; [wir] bestätigen(d), dass es notwendig ist, um die Menschenrechte zu garantieren, die Rechte der Mutter Erde und aller Lebewesen auf ihr anzuerkennen und zu verteidigen und dass es Kulturen, Praktiken und Gesetze gibt, die dies tun.“**

Die Schlangenkönigin Schahmaran ist dabei, aus ihrem unterirdischen Versteck herauszukommen und ihr schönes Gesicht zu zeigen.

Jetzt ist die Zeit für die ökologische Wende, die Zeit, die Alleinherrschaft der Spezies Mensch zu beenden, das vom sich aus Uniformismus speisenden globalen Kapital aufoktroyierte Lebensmodell und die Modelle seiner Justiz und seiner Wirtschaft, abzulehnen, um das Leben neu zu gestalten, wobei die kollektiven Rechte der Natur zu beachten und die kulturellen Werte aller Diversitäten zu verdeutlichen sind.

Die Bedeutung dieses Ansatzes in der Praxis liegt eindeutig in „Achtsamkeit“, also darin, dass es uns gelingt, alle Existenzen zu berücksichtigen, die wir im Zuge der Befriedigung unserer Bedürfnisse verletzen, schädigen oder vernichten.

Jetzt da die Nachhaltigkeit des Kapitalismus in Gefahr geraten ist, erfordert diese zu einer gewissen Reife gelangte Achtsamkeit unser Verständnis von Bedürfnissen zu revidieren, diese zu minimieren und anschließend statt die auf (individuelle und kollektive) Massenproduktion ausgerichtete Industriegesellschaft, die Produkt und Produzierende zur Ware macht und damit entwertet, ein Verständnis von Gesellschaft zu bilden, bei dem das Konzept „Arbeit“ seinen Wert zurück erhält, die nicht dem Mechanismus der Überlegenheit über aller Existenzen in der Natur folgt, sondern diese als einander ergänzende Elemente begreift, so dass Bedürfnisse befriedigt werden können, ohne die Existenz anderer Arten zu schädigen. Sie verlangt, neue Wirtschaftsmodelle zu entwickeln, bei denen alle Existenzen in der Natur mitgedacht werden.

2011-2012

* Aus dem Text „Notizen über das ökologische Paradigma zum Aufbau eines freien demokratischen Lebens“

** Allgemeine Erklärung der Rechte von Mutter Erde


Schriften zur Ökologie III

Staatenlose Gesellschaft, grenzenlose Welt! (I)

Träume / Realitäten (!)

Ideale / Hemmnisse

Staatenlose Gesellschaft, grenzenlose Welt!

Und ihr Streben nach einer Wirtschaft, die Natur, Mensch und Freiheiten gerecht wird I

Am Jahrestag der Revolution in Rojava überwand das Volk die Grenzen, die das nationalstaatliche System im Herrschaftsbestreben ohne Rücksicht auf humane Werte gezogen hatte, und vollbrachte eine Revolution in der Revolution. Im dichten Reizgasnebel, voller Wut und unter Tränen bewies das Volk, wie schwach die durch das Sykes-Picot-Abkommen gezogenen Stacheldrähte angesichts seiner Entschlossenheit waren, und überwand die hundertjährigen künstlichen Grenzen. Überwältigt von der über so viele Jahre aufgestauten Gefühlsflut werden die Menschen wohl erst nach einer Weile selbst begreifen, was ihnen gelang, als sie die Grenzen niederrissen; die Auswirkungen dieser Aktionen werden vermutlich noch breit diskutiert werden. An ihren Stellenwert für den Freiheitskampf wird man zweifellos immer wieder denken.

Während die Herrschaftsbeziehungen in Mesopotamien durcheinander gerieten, während es zu etlichen Ereignissen und Protestaktionen kam, die im Tagebuch des Krieges in Nahost tiefe Breschen in das herrschende System schlugen, fanden im Laufe der letzten Woche in Amed[2], Batman und Van Ökonomie-Workshops statt, die wichtige Folgen für den Wirtschaftskreislauf in Kurdistan haben werden. Dort diskutierten multilaterale Akteure des Wirtschaftskreislaufs zahlreiche Themen wie Energiepolitik, Landwirtschaft und Viehzucht, Industrie und Finanzwesen.

Etliche Konzepte der neoklassischen Ökonomie, die versklavenden Folgen der Konsumgesellschaft wie Wachstum, Profit, Finanz, Kapital, Entwicklung, Investition, Beschäftigung, Armut und Reichtum lagen auf dem Tisch. Ebenso aber ging es auch um alternative Wirtschaftsmodelle wie grüne Ökonomie, grüne Beschäftigung, partizipative/ökologische/solidarische Wirtschaft.

Wie zu erwarten gab es ernsthafte Spannungen zwischen Vertreter*innen der Perspektive, das Bestehende mit traditionellen Gewohnheiten zu „verbessern“, und jenen, die dafür eintreten, ein neues Leben/Modell sei möglich. Dennoch herrschte Konsens darüber, auf der Grundlage demokratischer Autonomie gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.

Selbstverständlich standen auch Diskussionen über die ökonomische Realität Kurdistans im Fokus, dessen natürliches kulturelles/ökonomisches inneres Gleichgewicht – die auf Ausbeutung/Beutemachen, Produktion/Konsum beruhende Politik der osmanischen Zeit sei außen vor gelassen – seit einhundert Jahren, darin ist auch der Völkermord an den Armenier*innen mit inbegriffen, anhand ethnischer Uniformierung manipuliert wird und das seit vierzig Jahren mit einer von der Produktion abgetrennten gesellschaftlichen Realität konfrontiert ist, weil ununterbrochen Krieg geführt wird.

Ebenfalls gab es postmoderne Diskussionen, die mit Themen wie Deckung lokaler Bedarfe, Problematik des Maßstabs ausgewogener Gemeinschaft mit der globalen Welt, auf Industrie und Technologie konzentrierte Entwicklungslinie, Priorität arbeitsintensiver Bereiche bei gängiger Verteilung der Gewinne von einem Extrem zum anderen führten.

Schließlich entstand im Namen des Realismus (!) der Vorschlag eines Mittelwegs (!) mit dem Modell einer „multiple Ökonomie“, der völlig unabhängig von den ursprünglichen Absichten tatsächlich nach einer Lösung aussieht. Es soll sowohl eine auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaft geben, ihre Mechanismen wie Industrie und Finanzsysteme sollen verbessert (!) werden, daneben aber sollen auch alternative Modelle zur Umsetzung kommen.

Industrielle sollen nicht verprellt werden, zugleich aber soll im Sinne einer „Sensibilität für die Natur“ das ökologische Paradigma weiterhin gelten – das offensichtlich nach und nach immer weiter ausgehöhlt wird.

In der Hoffnung, mich zu täuschen, möchte ich hier eine Behauptung aufstellen, auch wenn sie etwas scharf ausfallen mag: Daraus wird kein alternatives Lebensmodell, das den so viele Jahre lang geführten Aufstand gegen den Tod in die Zukunft tragen könnte.

Das erscheint unmöglich, weil wir es mit der massiven Macht der Mechanismen einer Lebensauffassung zu tun haben, die das auf Unterdrückung basierende männlich dominierte System über fünftausend Jahre allmählich entwickelt hat und die uns tief in den Knochen sitzt.

Die Erfahrungen der Menschheit mit dem Aufbau eines alternativen weiblichen, natürlichen Lebens werden von lokalen wie globalen Politiken geringgeschätzt, unterdrückt und sind schwach und zerstreut. Als romantische Diskurse neigen sie zum Untergehen, der brutalen männlichen Politik des Kapitalismus gegenüber sind sie allzu naiv. Angesichts des gewohnten Pushens von „Komfort“ hat der Prozess, ein von allen Eigentums- und Machtbereichen Opferbereitschaft forderndes, arbeitsintensives, mühseliges Leben aufzubauen, der nur ein „sorgloses, echtes Lächeln / ein freies Leben“ verspricht, zudem einen langen, Geduld verlangenden Weg vor sich.

Kritische Momente, kritische Beschlüsse … Abzweigungen, Scheidewege …

In Sachen Wirtschaftskreislauf müssen Schritte unternommen werden, es muss entschieden werden zwischen der unerträglichen Leichtigkeit der Wiederholung des Gewohnten und den hohen Kosten für die Entstehung des Neuen.

Wenn hier kein gemeinsamer politischer Wille entsteht, fürchte ich, werden all die teuren Mühen sich allein daran klammern, die Ehre der Anerkennung der kurdischen Identität als physische Existenz zu erringen, und dort stehenbleiben. Und die Träume vom alternativen, weiblich geprägten, freien Leben in Vereinigung mit der Natur werden auf den irrigen, düsteren Fluren von Konzepten wie Wachstum, Entwicklung oder Konkurrenz dem Ersticken überlassen – um wer weiß wann und zu welchem Preis erneut erinnert zu werden. Die weibliche, die Geschlechter befreiende Revolution wird unvollendet bleiben.

Dabei wäre es möglich, solange das Gedächtnis an ein natürliches Leben auf diesem Boden noch lebendig ist, die Wirtschaft von kapitalistischen Gewohnheiten zu bereinigen und mit Bezug auf ein freies Leben des Menschen im Einklang mit der Natur, ohne sich weiter mit dem Schmutz und Blut des Kapitalismus zu besudeln, eine ökologische Wende zu schaffen. Vor uns tut sich die Alternative einer Solidarwirtschaft auf. Die heute nach kapitalistischen Maßstäben als „entwickelt“ geltenden Länder bemühen sich auf der Suche zurück zum ökologischen Leben, ihre in Vergessenheit geratenen Märchen und Heilkunden zu revitalisieren. Das kurdische Volk hat dieses uralte Wissen unter größten Mühen bewahrt, deshalb sind wir verpflichtet, dieses Gedächtnis in ein natürliches, freies Leben zu transformieren.

War man nicht vor fünfunddreißig Jahren aufgebrochen, um den „verdorrten Zweig erneut grünen zu machen“? Ist nicht das unmöglich Scheinende gelungen? Wenn dieser verdorrte Zweig wieder grünt, kann er auch zu einer der reinen, frischen Oasen der universalen Ganzheit werden. Wenn man sich von Zagen und Zweifeln löst, kann der in Theorie und Praxis erworbene starke Erfahrungsschatz des kurdischen Volkes der intellektuellen Erfahrung von Völkern, die sich bereits auf ökologische Solidarwirtschaft konzentrieren, und der Welt zusammenkommen und das für unmöglich Gehaltene lebbar machen. Das ist möglich, solange die Augen der Weltvölker, deren Kulturen vernichtet und die gemeinsam mit ihrer von den Bulldozern des Kapitalismus zerstörten Natur zermalmt wurden, auf uns gerichtet sind und uns ihre hoffnungsfrohe Unterstützung begleitet. Hauptsache, wir stärken  die Vereinigung des Willens und lassen nicht zu, dass sie unsere Träume von einer freien Welt ersticken.

PS: Im nächsten Text gehe ich auf die ökologische Solidarwirtschaft ein.

Amed, 21.-23. Juli 2014


Schriften zur Ökologie IV

Staatenlose Gesellschaft, grenzenlose Welt! II

Träume / Realitäten (!)

Ideale / Hemmnisse

Staatenlose Gesellschaft, grenzenlose Welt!

Und ihr Streben nach einer Wirtschaft, die Natur, Mensch und Freiheiten gerecht wird II

„…die Konsumökonomie infrage zu stellen; die Konsumgesellschaft zu hinterfragen, die die gesamte Menschheit, allen voran die Frau, die gesamte Natur, kurz alle Existenzen im Rahmen einer Philosophie des „Nutzens“ zu einem Instrument der Fortsetzung der Macht der Herrschenden macht. Das von der Konsumgesellschaft aufgezwungene Verständnis von „Bedürfnissen“ zu revidieren …“*

Kreativer Zusammenbruch der neoklassischen Wirtschaft – Solidarwirtschaft / ökologische Wirtschaft

Hier möchte ich zunächst erwähnen, dass ich den Begriff „Wirtschaft“ nicht als Struktur, als Konstruktion, als Institutionalisierung verstehe, die anhand der Ausbeutung von Natur und Arbeit funktionieren, den „Wachstum“ und „Entwicklung“ setzenden Profitimpuls antreiben und damit männlich dominierte Beziehungen bilden, sondern als eine Organisation, die notwendig ist, um die Bedürfnisse von Gesellschaft und Individuen auf der Basis freien Lebens zu befriedigen.

Unter dieser Prämisse und von der Feststellung ausgehend, das auf Produktion, Konsum und Wachstum gestützte Modell habe seine Grenzen erreicht, wurde auch vor dem Hintergrund der bald harten, bald sanften, stets aber solidarischen kulturellen Lebenserfahrungen in Mesopotamien nicht die Fortsetzung der bestehenden neoklassischen, neoliberalen Wirtschaftsmodelle und ihre Kurierung zugrunde gelegt, sondern die Ansichten von Ökonomen, die diese radikal ablehnen.

Diese Ansichten kamen systematisiert und ausgereift als alternative Wirtschaftsmodelle Mitte des 20. Jahrhunderts auf die Tagesordnung, als globale Wirtschaftskrisen die Welt erschütterten und sich immer mehr Menschen dafür engagierten, auch wenn sie das teuer zu stehen kam.

Wir, die wir die Aufbauphasen der Radikaldemokratie miterlebt haben, sehen, dass diese Ökonomen, die alternative Konzepte wie „Ökologische Wirtschaft“, „Solidarwirtschaft“, „Bionomisches, natürliches Kapital“, „Postauthistische Wirtschaft“, „Psychonomie“, „Bio-Ökonomie“, „Subsistenzwirtschaft“ aufgelegt haben, künftig als revolutionäre Pioniere betrachtet werden, die hinterfragt haben, was für „heilige Gesetze der Wirtschaftswissenschaften“ gehalten worden war, genau wie einst Kopernikus die Astronomie, Freud die Psychologie, Einstein die Physik transformiert haben.*

Mesopotamien, weltweit auch „der fruchtbare Halbmond“ genannt, ist als Region bekannt, in der die Agrikultur entwickelt und erste wirtschaftliche Tätigkeiten entfaltet wurden. In diesem Kontext ist es meines Erachtens von besonderer Bedeutung, gerade hier alternative Modelle von Solidarwirtschaft umzusetzen, die Erfahrungen aus aller Welt mit der lokalen Kultur vereinen, und in der Praxis zu etablieren.

„La economía es de gente, no de curvas“ – Wirtschaft handelt von Menschen, nicht von Grafiken **

Experten, die sich mit Wirtschaftsmodellen befassen, sagen häufig: „An der Spitze der Liste der Hauptprobleme der heutigen neoklassischen Wirtschaftssysteme, die in Statistiken, Zahlen und Mathematik ersticken und die Wirtschaftserfahrung des Individuums entfremden und manipulieren, stehen die erbarmungslose Ausbeutung von Natur und menschlicher Arbeit sowie die enorme Überproduktion.“ Krisen entstehen bekanntermaßen vor allem dann, wenn Unternehme ihre aus Profit- und Machtzwecken geschaffene Überproduktion auf den Märkten nicht genug absetzen können. Die meisten Kriege gehen ebenso wie auf die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen auch auf das Bestreben zurück, zur Erschließung neuer Märkte ein gemeinsames Rechtssystem zu etablieren. Sie sind der Versuch, unter Missachtung des in Jahrtausenden des Zusammenlebens entstandenen kulturellen Erfahrungsschatzes das kapitalistische Wirtschaftsmodell, sein Rechtssystem und lokale soziale Regeln aufzuoktroyieren und irreversibel zu verankern. Produktions- und Konsumgewohnheiten werden je nach Notwendigkeit des globalen Kapitals angepasst, den neuen Produktions- und Konsumgewohnheiten entsprechend wird dann eine neues Rechtswesen eingeführt und die männlich dominierten Beziehungen globaler Unternehmen, die im männlichen Herrschaftssystem seit Jahrtausenden in immer neuen Formen entstanden, werden revitalisiert.

An diesem Punkt zeigt sich, wie unabdingbar es ist, auf der Suche nach einer neuen Harmonie sich das Konzept einer „autarken“ Wirtschaft ins Gedächtnis zu rufen und das Phänomen „Bedarf“ im Rahmen der Gesamtheit von Individuen, Kommune und Arten zu betrachten, um ein natürliches, freies Leben aufbauen zu können. Hierzu sollten die seit Jahrtausenden aus dem Blick verlorenen kulturellen Erfahrungen und die ohnehin mit der Natur identische weiblich geprägte Sprache erneut in den Fokus rücken.

„Ohne die vom ökologischen Leben unterstützten Dienstleistungssysteme käme die Wirtschaftstätigkeit weltweit zum Stillstand. Wer könnte die Kosten für die Bestäubung von Millionen Früchten tragen, wenn auf einen Schlag die Bienen ausstürben?“***

Wieder und wieder ist darauf hinzuweisen, dass die Wirtschaft nicht weiter so tun kann, als könnte sie unabhängig von der Natur existieren, dass der ökologische Fußabdruck des Menschen die Kapazität der Erde bereits übersteigt und dass wir, falls die Geschichte der Menschheit überhaupt weitergeht, endlich die Werte der Natur – das natürliche Kapital – berücksichtigen müssen.

Deshalb müssen wir jetzt, ungeachtet dessen, ob das leicht oder schwer sein wird, den Übergang in die ökologische Solidarwirtschaft, in die Steady-State-Wirtschaft versuchen, die auch die Werte der Natur berücksichtigen, die bislang als angeblich „Außenfaktoren“ außer Acht gelassen worden waren. Was wir „Wirtschaftswachstum“ nennen, hat Ausmaße angenommen, die überhaupt nicht mehr wirtschaftlich sind. Die Wachstumsökonomie lässt uns auf halben Weg hängen. Die ökologischen und sozialen Kosten steigen schneller als der Produktionsnutzen und macht uns immer ärmer statt reicher. Zweihundert Jahre lang haben wir in der Wachstumsökonomie gelebt. Es geht doch darum: Werden wir tatsächlich reicher, wenn das Bruttonationaleinkommen wächst? Oder verarmen wir gerade aus diesem Grund?****

Dafür zu sorgen, dass die Massen konsumierfähig gemachte Waren (nicht nur die klassischen Grundbedürfnisse, sondern einen großen Teil des Fächers industrieller Produkte, von Fast Food bis Asphaltstraße, von Pauschalreise bis Kaiserschnittgeburt) nachfragen, aber dann diese Nachfrage nicht befriedigen zu können, lässt sich auch als Armut/Bedürftigkeit beschreiben. Diese Waren, für deren Nachfrage gesorgt wurde, lösen bei Millionen, die sie nicht bekommen können, sehr schnell das Gefühl aus, arm/bedürftig zu sein. Die Ausbreitung von Entwicklung wird möglich, wenn sich Armut/Bedürftigkeit ausbreitet, wenn Armut/Bedürftigkeit  neue Bedürfnisse definieren, wenn neue Bedürfnisse haben zu dürfen bedeutet, diese Bedürfnisse (!) auch befriedigen zu können, also aus der Kategorie der Armut/Bedürftigkeit aussteigen zu können, dies führt aber dazu, dass das Gefühl von Armut/Bedürftigkeit nie ganz verschwindet, sondern die ganze Welt überzieht. Armut/Bedürftigkeit in diesem Sinn bietet eine humanistische und beinahe romantische Basis, um den Diskurs von nachhaltiger Entwicklung unabdingbar zu machen. Ist es nicht allmählich an der Zeit, Begriffe wie „Entwicklung“ und „Wachstum“ beiseite zu schieben?

Unter dieser Prämisse sollten im Rahmen der Prinzipien von Gleichberechtigung, Solidarität und Komplementarität, die sich darauf stützen, dass jede*r im Einklang mit der Natur, mit sich selbst und untereinander lebt, und die in den Kulturen der Naturgesellschaften unterschiedlich zum Ausdruck kommen, gemeinsamer Wohlstand und Grundbedürfnisse in Harmonie mit Mutter Natur zugrunde gelegt werden.

Wie hoch sind die tatsächlichen Kosten für eine halbe Stunde Verkehrsstau? / Wie hoch sind die tatsächlichen Kosten für den Transport eines Containers voller Spielzeug von einem Ende der Welt zum anderen?

Klar ist, dass ein Wirtschafts- und Rechtsmodell aufgelegt werden muss, das die Bedürfnisse minimiert; sich nach den Hauptprinzipien der ökologischen Lebensform – einer Produktion mit geringst möglichem Energieaufwand und Abfallaufkommen – richtet; nicht auf Wachstum und Entwicklung im Produktionsprozess angelegt ist; Warenbesitz als Maßstab für Reichtum gegen den Wert freier, gesunder, kreativer Zeit austauscht und auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse abzielt; auf grüne Beschäftigung mit Methoden setzt, die keine Ausbeutung der Natur zulassen; in dem lokale Bedürfnisse nicht durch industrielle sondern durch handwerkliche Produktion lokal befriedigt werden; das mit Teilen statt Konkurrieren und einem  Solidaritätsnetzwerk umgesetzt wird.

Dieser Ansatz kommt dem Entwurf einer „neuen Finanzarchitektur“***** gleich. Es bedeutet, das an den Kreislauf von Maximieren, Profitieren, Produzieren, Verkaufen, Investieren gebundene Marktsystem auf den Müll zu werfen. Es bedeutet, die auf der Verschuldung gegen Zinszahlung beruhende Finanzindustrie abzuschaffen und stattdessen Regeln aufzustellen, die Ressourcen zugänglich machen, ohne Individualkapital zu erhöhen. Es bedeutet den Abschied vom Gewinnstreben und einen tiefen kulturellen Wandel, bei dem Eigentum mit der Perspektive „kommunales Eigentum und Verfügungsrecht über Eigentum“ neu diskutiert wird; bei dem Extremkonsum und Wachstum nicht Status bedeuten sondern Symbole der Scham sind; bei dem die Grundfunktion der Steady-State- und Schenkökonomie nicht Nehmen, sondern Geben ist und auch andere einem geben werden, bei dem mit anderen Worten „Schenken“ der wirtschaftliche Schlüsselmechanismus ist. ******

Wir wissen, dass diese Ansätze Anatolien und Mesopotamien, wo das Gedächtnis eines Lebens im Einklang mit der Natur noch frisch ist, keineswegs fremd sind.

Zum Schluss möchte ich Folgendes unterstreichen:

Ist der Wert, auf den wir als Gewinn, als Reichtum abzielen wollen, ein gegenständlicher Reichtum, den die Konsumgesellschaft als Komfort hinstellt und zu dessen Erreichen sie uns zu Sklaven macht, oder eine kreative, freie Zeit, in der wir uns dem natürlichen, uralten Wissen zuwenden?

Ist er die unerträgliche Leichtigkeit der Wiederholung dessen, das wir seit Jahrhunderten sklavisch gewohnt sind, oder die psychische und physische Läuterung durch die Geburt einer neuen Moderne, die entsteht, wenn wir allen zeitweiligen Härten zum Trotz dem Freiheitsruf der Natur folgen?

Wofür werden wir uns entscheiden?

Wir können sehen, dass die Bevölkerung Kurdistans, von der wir wissen, dass sie sich in ihren Märchen und Mythen, Ritualen und alltäglichen Praktiken das Gedächtnis des natürlichen Lebens bewahrt hat, allgemein zur Offenheit neigt. Ich bin überzeugt davon, dass die Institutionen und Organisationen der politischen und sozialen Bereiche, die dafür verantwortlich sind, diese Tendenz ganzheitlich zu gestalten, den Prozess historischer Entscheidungen genau analysieren und nicht in den Irrtum, in die Bequemlichkeit verfallen wird, dies alles sei „unmöglich“.

Dirmil – Istanbul – Amed, Mai-September 2014

Quellen:

* Aus dem Text „Notizen über das ökologische Paradigma zum Aufbau eines freien demokratischen Lebens“ – ŞŞA.
* Mit Verweis auf die für ihre neoklassischen Arbeiten bekannte Adbusters-Bewegung.
** Graffito vom Campus der Universität Madrid beim Protest gegen die globale Wirtschaftspolitik.
*** Robert Costanza: The value of the world’s ecosystem services and natural capital. In: Nature.

**** William E. Rees, Mathis Weckernagel: Our Ecological Footprint: Reducing Human Impact on the Earth.
**** Agenda 21, The Global Partnership for Environment and Development, Preamble 1.1. United Nations Publication, Sales No. E.93.I.11
***** Peter Stalker: The No-Nonsense Guide to Global Finance.
****** Ted Trainer: Sıfır Büyümenin Radikal Sonuçları [Radikale Folgen des Nullwachstums].
******* Tarık El Divani: People First Economy.
******** Mehmet Genç: Osmanlı İmparatorluğunda Devlet ve Ekonomi [Staat und Wirtschaft im Osmanischen Reich].
*********Josef Stiglitz: Freefall: America, Free Markets and the Sinking of World Economy.

Weitere Quellen:

·    Julie Matthael: Solidarity Economy: Building Alternatives for People and Planet / Economic History of Women in America.
·    Lourdes Beneria: Gender, Development, Globalisation: Economics as if All People Mattered – feministische Wirtschaft.
·    Deborah Campell
·    Tim Jackson – relative / absolute Entkoppelung
·    E.F. Schumacher: Small is beautiful
·    Ivan Illich
·    Herman Daly – ökologische Schrumpfungswirtschaft
·    Kirkpatric Sale – Bioregionalismus
·    Frederic Soddy
·    Nicolas Georgescu-Roegen
·    Keneth Boulding
·    Bernhard Stiegler: For a New Critic of Political Economy
·     P.A. Payutto: Buddhist Economics – aufgeklärter Konsum 
·    William Kuhnert: 1894 Kanada
·    Darren Fleet
·    Michael Hudson
·    Charles Eisenstein
·    Janneken Drange
·    Andrew Dobson: Green Political Thought


Schriften zur Ökologie V

Staatenlose Gesellschaft, grenzenlose Welt! (III)

Träume / Realitäten (!)

Ideale / Hemmnisse

Staatenlose Gesellschaft, grenzenlose Welt!

Und ihr Streben nach einer Wirtschaft, die Natur, Mensch und Freiheiten gerecht wird III

Träume von einer heiteren Gesellschaft hegen und sich von Staaten, Grenzen, Armeen verabschieden ist keine leichte Sache!

Eine Frage: Was verstehen Sie unter „Reichtum“? Wann, wie, in welcher Situation fühlen Sie sich reich? Hat das Gefühl von Reichtum etwas mit dem Gefühl von Sicherheit zu tun? Wann, wie, in welcher Situation fühlen Sie sich sicher? Haben Sie ein Armutsproblem oder ein Reichtumsproblem, das am Besitz von Konsumgegenständen gemessen wird? Wo beginnt und wo endet das Verhältnis zwischen der Verdammnis an die Grenze von Hunger und Tod und der Problematik von Reichtum und Armut? Eine Menge Fragen, die sich vervielfachen lassen, und doch im Grunde nur eine einzige Frage sind!

Kommen Sie, lassen wir uns auf ein Spiel ein!

Wir leben in einem sozialen Gefüge, in dem nicht Konkurrenz herrscht, sondern das Prinzip „Solidarität und natürliche Harmonie“. Simulieren wir jetzt einmal das kommunale Leben in dieser Gesellschaft. Diese Gesellschaft soll ihren Sozialpakt in etwa auf Werte gegründet haben,

  • die den anthropozentrischen Speziesismus infrage stellen und die Werte aller Existenzen in der Natur als universale Ganzheit betrachten;
  • die zwischen den Existenzen in der Natur und innerhalb der eigenen Spezies nicht auf Konkurrenz, sondern auf Solidarität setzen;
  • die die Werte-Errungenschaften der eigenen Spezies nicht leugnen;
  • die darauf abzielen, den Begriff „Herrschaft“ aus unseren Lebensräumen zu verbannen;
  • die „Macht“ nicht länger verherrlichen, sondern Tugenden der Schwachen begrüßen;
  • die das Phänomen „Eigentum/Besitz“ des Menschen über Mensch und Natur hinterfragen;
  • die sich an den Grundbedürfnissen orientieren;
  • die Produktion nicht konsumgerichtet, sondern unter Achtung der Gesamtheit der Natur und mit Konzentration auf die Arbeit verstehen und Produktion durch Teilen erhöhen;
  • die die fraktale, zergliederte Struktur des Universums und die sich vom Chaos zum Gleichgewicht und vom Gleichgewicht zum Chaos bewegende unendliche Kreativität zugrunde legen;
  • die angesichts des Irrtums der positivistischen Haltung, Zeit schreite auf einer geraden Linie fort, dem Zeitbegriff wieder die Perspektive des universalen Kreislaufs in Naturgesellschaften gibt und umsetzt;
  • die das Leben auf der Beachtung des sich gegenseitig befruchtenden kulturellen Gefüges in allen Lebensbereichen aufbaut;
  • die Tore zum Hinterfragen öffnende Asymmetrie empfiehlt statt auf eine autoritär bestimmte Lebensform setzende Symmetrie;
  • die Ästhetik auf das Konzept der „verhüllten Schönheit“ und auf das Wissen gründet, dass „das Perfekte“ nur eine „Idee“ ist;
  • die bei sich selbst und der unmittelbaren Umgebung anfangen und den Wandel im eigenen Kreis vorsehen, und zwar aus dem universalen Status Quo heraus, nicht aus Idealvorstellungen;
  • die ohne irgendeine belebte/unbelebte Existenz zu verurteilen sämtlichen Existenzen in der Natur mit Achtung begegnen, die Gleichheit und Ganzheit verinnerlicht haben und alle Existenzen im Einklang mit den universalen Gesetzen bejahen, die auf Zuhören und Verstehen gerichtet sind und darauf achten, nicht zu verletzen;

Zugleich:

  • usw. …
  • usw. …
  • usw. …

Das wäre meines Erachtens eine weibliche, natürliche, gesunde, heitere Gesellschaft.

Weiter:

Da wir „Solidarität statt Konkurrenz“ sagen, sind wir eine Gesellschaft, in der wir einander mit all unseren natürlichen Wesensunterschieden ergänzen, was uns jeweils fehlt, in der keiner das Bedürfnis hat, über den/die andere zu herrschen, in der wir das Verständnis von „Herrschaft“ und „Macht“ von Grund auf verändert haben. Da Wissen der grundlegende, gemeinsam geschaffene und geteilte Wert des Lebens ist, ist die Herrschaft des Wissens und der Wissenden längst überwunden. Niemand hat es nötig, sich beweisen zu müssen.

„Profit“ bedeutet für uns nicht, unzählige Objekte zu besitzen, sondern freie, kreative, gesunde, heitere Zeit.

Wir brauchen keinen Besitz und kein Eigentum, nichts anzuhäufen und zu sparen, denn das, was ich habe, gebe ich meiner/meinem Nächsten, was er/sie hat, kann ich mir nehmen, wir können tauschen – stets unter vorrangiger Berücksichtigung dessen, was wir brauchen. Besitzergreifen und Anhäufen/Sparen ist eine Last, die uns von der Reise zur „Überwindung unserer selbst“ abhält. Ohnehin ist in unserer Gesellschaft extremer Konsum kein Status von Luxus, sondern ein Symbol der Schande. Da wir zudem nicht den Impuls haben, uns Besitz aneignen zu wollen, und nicht von Objekten abhängig sind, haben unsere Häuser keine Schlüssel. – Was könnte es in unseren schlichten Wohnungen, in denen wir uns zur Ruhe begeben, denn auch zu stehlen geben?

Wir sind stolz darauf, unsere Grundbedürfnisse mit unserer eigenen Hände Arbeit zu befriedigen. Geschenke für Freund*innen sind Bedürfnisse, die wir befriedigen, indem wir sie in eigener Arbeit herstellen. Sie wiederum überreichen anderen, was sie hergestellt haben. Diese Geschenke sind sehr kostbar. Wir vereinfachen uns gegenseitig das Leben. Was wir nicht allein herstellen können, produzieren wir vereint. Fröhlich und mit Vergnügen. Das auf diese Weise Produzierte halten wir freudig in Ehren, benutzen oder verbrauchen es gern.

Tauchen Themen auf, mit denen unser Verstand, unsere Psyche Schwierigkeiten hat, legen wir sie unverzüglich dem Wissen der Gesellschaft vor, teilen die Probleme und lösen sie. Ohne irgendjemanden anzuklagen, sondern indem wir uns um gegenseitiges Verständnis bemühen.

Heitere Regierung / Radikale Demokratie

„… Unsere Regierungsform, also die Form, wie wir regiert werden, ist eine weibliche, heitere Horizontbreite; der vergnüglichste Raum, in dem zu leben man sich vorstellen kann, in einem Zustand, da die Gewählten kaum zu begreifen vermögen, warum und wie sie gewählt wurden; ein Raum, in dem wir nicht regiert werden und nicht regieren; der sich öffnet, indem Ideen und Meinungen so breit wie möglich diskutiert und Beschlüsse gemeinsam umgesetzt werden.

Eine abwechslungsreiche Produktionsweise, bei der wir wissen, dass wir dafür da sind, nur jene Pflichten zu erfüllen, die wir auch übernommen haben, bei der außerhalb der Grenzen der übernommenen Verantwortungen mich niemand als ich selbst repräsentiert und das im Grunde auch gar nicht kann.

In dieser Form und im Verhältnis zu den seit Jahrtausenden aufgezwungenen Regierungs- und Verwaltungsformen ziemlich radikal …

Radikale Demokratie macht das Individuum zum Individuum. Sie bringt mit sich, dass man ausgehend von seinen Lebenserfahrungen Pflichten übernimmt, seine Pflichten erfüllt und zu seinen Taten steht. Sie befreit aus der Bequemlichkeit des Regiertwerdens. Sie verhindert, dass sich um die Regierenden eine Horde „Dummer“ schart und dass auch die Regierenden mit der Zeit „dumm“ werden. Sie erlöst von einer Lebensweise der ständigen Jammerei ohne Lösungen zu schaffen, bei der man sich auf die Kette der Fehler beruft, die den Gewählten auf dem schlüpfrigen Boden zugeschrieben werden, der in der Natur des Regiertwerdens liegt; drängt dazu, Fragen zu stellen, und ebnet den Weg zur Schaffung kreativer Lösungen für das Leben. Jeder ist im Rahmen dessen dabei, das er zu tun imstande ist. Niemand hinterfragt einen anderen, was er wie weit getan hat. Diese Regierungsform sieht vor, dass Verantwortliche fähig sind und fehlende Aspekte mit anderen gemeinsam angehen.

Diese Produktion ohne jeden Druck befreit, Befreiung wiederum führt zur Erweiterung der Produktionssituation.

Dieser Raum, der Regieren und Regiertwerden ablehnt, ist ein von den Begriffen „Macht“ und „Herrschaft“ bereinigter Bereich. Niemand muss irgend etwas beweisen. Bei der Lebensweise in Diskursen, die sich von der Motivation entfernen, uns beweisen zu müssen, fehlt auch das Bedürfnis zu streiten wegen Äußerungen wie  „Was ich sage, stimmt“ oder „Wie recht ich doch habe und wie viel ich doch weiß“ oder „Siehst du, genau das hatte ich gesagt“. Darum ist sie friedlich. Ja, etwas wirr, aber keineswegs chaotisch. Es ist eine Lebensweise, in der der Produktionsprozess, in dem man sich befindet, seine eigene innere Disziplin herausbildet.

Gibt es dabei keine Probleme? Doch, viele, sogar sehr viele, denke ich. Es sieht so aus, als müssten wir unsere Psyche neu einrichten. Da wir den Begriff „Macht“ vom Himmel herunterholen und dadurch nicht länger in der Gefolgschaft einer „Regierung“ aufgerieben werden, müssen wir uns mit unseren Ängsten versöhnen …“*

Mit Vergnügen beobachten wir die Natur und folgen ihr. Wenn das, was wir tun, die natürliche Harmonie stört, wenn es dem winzigsten Element der Existenz schadet, sagen wir: „Da machen wir offenbar etwas falsch“, und revidieren unsere Arbeit, worin sie auch bestehen mag.

In diesem Leben, in dem wir der Wegweisung der Natur folgen und das auf diese Weise immer so weitergehen kann, brauchen wir keine Staaten, Grenzen, Armeen mehr, die das Gefühl von Sicherheit aufzwingt.

Wirtschaftsspiele der [platonischen] Akademie / Instrumentelle Vernunft

Der für seine kulturtheoretischen Arbeiten bekannte niederländische Historiker Johan Huizinga zeigte in seinem Buch „Homo Ludens – Vom Ursprung der Kultur im Spiel“ (1938) auf, dass das Spiel eine Schlüsselrolle im kulturellen Wandel spielt. Dem möchte ich etwas hinzufügen – vermutlich hat das längst jemand gesagt, wenn dem so ist, wiederhole ich es noch einmal. In dem Moment, in dem der Mensch das Spiel aus der Bahn der Selbsterkundung, Neugier, Überwindung und natürlich des Vergnügens herausnahm, machte er den natürlichen Fluss des Spiels zu unveränderlichen Prinzipien, schuf „Macht“ und „Herrschaft“ und setzte einen Schritt in Richtung der männlich dominierten Gesellschaft mit einem Staat, wie sie in „Akademien“ alimentiert wird. Die heitere Gesellschaft ging in der instrumentellen Vernunft unter und wurde vergessen. Und das durch verschiedene Stadien gelaufene Bedürfnis zu spielen hängt heute in Macht-, Kriegs- und anderweitig institutionalisierten Wirtschaftsspielen von Gesellschaften, die über einen Staat verfügen, fest.

Es ist an der Zeit, dass die Menschheit endlich die männlich dominierten Machtspiele sein lässt und stattdessen zu einer anderen Art von Spiel findet.

Es ist nötig, wieder Träume von einer weiblich dominierten, heiteren Gesellschaft zu hegen und, so schwer es fallen mag, sich von Staaten, Grenzen, Armeen zu verabschieden, indem man das Tor zu einer schlichten, natürlichen Wirtschaft öffnet.

Es sei wieder und wieder betont, damit es wirklich umgesetzt wird: Es ist nötig, hierarchische, auf Macht ausgerichtete Ansätze zu verurteilen, die Philosophie einer staatenlosen Gesellschaft, grenzenlosen Welt und Selbstverteidigung ohne Armee zu entwickeln und sich wieder hin zu einer heiteren Gesellschaft zu bewegen, die mit Respekt vor sämtlichen Existenzen in der Natur Gleichheit und Ganzheit verinnerlicht hat und im Rahmen der universalen Gesetze alle Existenzen bejaht,

  • die den anthropozentrischen Speziesismus hinterfragt und stattdessen die Werte aller Existenzen der Natur als universale Gesamtheit versteht;
  • die das Phänomen, dass der Mensch Menschen und Natur als „Eigentum“ betrachtet, und das den Menschen und die Natur unausweichlich versklavende Verständnis von „Besitz“ hinterfragt;
  • die infrage stellt, dass hegemoniale Strukturen qua Expertisierung von Wissen Macht bilden; die die Philosophie einer Wissenschaft hinterfragt, die den kulturellen Schatz der Naturgesellschaften entwertet, der Lösungen für das Leben parat hat.

Sonst droht eine neue „Sintflut“!

Denn bekannte Tatsache ist, dass aufgrund der Konsumgewohnheiten im Rahmen der heute herrschenden Auffassung von Reichtum und Armut es allein für den Konsum der Nordhälfte die Erde eineinhalb Mal braucht. Würde die ganze Welt so viel konsumieren wie der Norden, bräuchte es die Erde dreimal. Und falls die globale Ökonomie bis 2040 weiterhin um drei Prozent wächst, werden wir in diesem Zeitraum ebenso viele Ressourcen verbraucht haben wie im gesamten Zeitraum zuvor, seit der Mensch auf zwei Beinen geht.

Deshalb muss im Rahmen der Prinzipien Komplementarität, Solidarität und Gleichberechtigung, die darauf basieren, dass jede*r im Einklang mit der Natur, mit sich selbst und anderen lebt, und die in den Kulturen von Naturgesellschaften unterschiedlich zum Ausdruck kommen, gemeinsamer Wohlstand und die Befriedigung der Grundbedürfnisse in Harmonie mit Mutter Natur zugrunde gelegt werden.

Zurück zum Anfang, richtig, es ist keine leichte Sache, „Träume von einer heiteren Gesellschaft zu hegen und sich von Staaten, Grenzen und Armeen zu verabschieden“. Eindeutig ist aber auch, dass es nicht unmöglicher ist, als deren Zwang, den Kapitalismus fortzusetzen!

Ich will meine Notizen mit folgender emphatischer Wiederholung schließen:

Ist der Wert, auf den wir als Gewinn, als Reichtum abzielen wollen, ein gegenständlicher Reichtum, den die Konsumgesellschaft als Komfort hinstellt und zu dessen Erreichen sie uns zu Sklaven macht, oder eine kreative, freie Zeit, in der wir uns dem natürlichen, uralten Wissen zuwenden?

Ist er die unerträgliche Leichtigkeit der Wiederholung dessen, das wir seit Jahrhunderten sklavisch gewohnt sind, oder die psychische und physische Läuterung durch die Geburt einer neuen Moderne, die entsteht, wenn wir allen zeitweiligen Härten zum Trotz dem Freiheitsruf der Natur folgen?

Wofür werden wir uns entscheiden?

Denn wir wissen, wofür wir uns entscheiden, das werden wir sein!

Dirmil – Istanbul – Amed, April/Mai-November 2014

Quellen:

* „Heitere Gesellschaft“ – ŞŞA 1998

* „Simulation des kommunalen Lebens der Frau“ – ŞŞA 2003

* Notizen über das ökologische Paradigma zum Aufbau eines freien demokratischen Lebens – ŞŞA 2012


Schriften zur Ökologie VI

Die „Herrschaft“ in uns, den „Herrn“/Mann in uns töten!

Staatenlose Gesellschaft, grenzenlose Welt

Selbstverteidigung ohne Armee

Denn nach Auffassung der Gesellschaft, im uralten Gedächtnis der unterdrückten Völker ist „die Armee“ die Ausbeutungsmacht der Herrschenden, die Aggressionsgewalt der Staaten. Aus diesem Grund sind ihre Freiheitskämpfe antimilitaristisch.

„Selbstverteidigung“ ist der Zustand, auf der Linie zwischen Sein und Nichtsein dem Angreifer „Stopp“ zu sagen. Im Verhältnis zur Gewalt des Angreifers benutzt sie Mittel und Waffen, die sie bis zur letzten Stufe nicht anwendet. Sie ist berechtigt und legitim, da es ihr nicht um Waffen geht und diese bis zur letzten Stufe nicht einsetzt. Auch wenn es paradox zu sein scheint, ja, Selbstverteidigung ist antimilitaristisch. Sie weigert sich, vor all den Elementen der Sicherheits-/Rüstungsindustrie zu kapitulieren, die das Leben, die Natur, die Lebensressourcen, die Kultur zerstören, und erneut „Herrschaft“ herzustellen.

Immer wenn Freiheitskämpfe zum System werden, um sich zu etablieren, abirren und sich unter dem Vorwand der Bedrohung das Konzept „Armee“ zu eigen machen, schließen sie das unabdingbare Tor der legitimen „Selbstverteidigung“, tappen in die Falle, sich dem bekämpften System anzugleichen, um es zu zerstören, und setzen im Teufelskreis des Sicherheitsaspekts den ersten Schritt in den Untergang.

Auch wenn es nicht in der Geschichte der Herrschenden der Welt steht, wissen wir, dass das Gedächtnis der Völker voll ist mit Armeen, die gegenüber dem Recht besiegt und ausgelöscht wurden. Ebenso kennen wir die Folgen der Irrwege auf der schmalen Linie, wenn man ins Unrecht stürzt, wo man eben noch im Recht war, wenn man vom Opfer zum Täter wird, das haben wir tausendmal erlebt. – Eines Tages wird die hier und dort verborgene weibliche Geschichte selbstverständlich auf andere Weise neu geschrieben werden.

„Meine Fingernägel sprießen aus der Macht meiner Machtlosigkeit“*

Weinen …

Die Genozide, Brände, Plünderungen ausschwemmen, die sich in den inneren Augenwinkeln aufgestaut haben …

Ausgiebig … bis der Brand im Herzen gelöscht ist …

Wut staut sich auf, findet einen Weg, sprengt den Damm, sprudelt hervor. Ob mit Gewalt, ob mit der Waffe. Ob mit Tränen, ob mit Schweigen …

Wie auch immer, sprudelt aber auf jeden Fall.

Wehklagen stimmen stets Frauen an. Warum?

Frauen weinen, Männer weinen nicht. Warum?

In welchem Augenblick der Zeit haben die Männer entschieden, ihre Tränen zu unterdrücken, zu vergessen, sich nicht darum zu kümmern? In welchem Augenblick haben die ihrer Tränen beraubten Männer das Überschäumen ihrer Wut in Gewalt umgewandelt? Welche Kraft haben sie daraus gezogen? Wie haben sie sich bewaffnet und wurden zur Armee? Wie kamen sie dazu, die „Macht“, die sie schufen, zu glorifizieren? Wie wurden „Herrschaft“ und „Macht“ gleichgesetzt?

Von damals bis heute führt ein langer, gewundener Weg; die Spuren der Fragen stecken in der Geschichte der Herrschenden, den Sagen und Legenden; machen wir es kurz.

„Herrschaft“ kam in vielerlei Gestalt daher und pflanzte sich in unsere Zellen, sie errichtete ihren Thron, ließ sich nieder. Sie reproduzierte sich wieder und wieder.

Sie wurde Religion, Staat, Armee. Wurde Vater, Gatte, Bruder. Vergegenständlichte sich, wurde Haus, Auto, Eigentum und Besitz. Wurde Industrie, Wirtschaft, Komfort. Eine ging, die nächste kam; eine ging, die nächste kam …

In jeder Existenz, die sie ausbeutete, staute sich Wut und Zorn auf. An der Grenze zwischen Sein und Nichtsein half stets Selbstverteidigung. Sie wurde als legitimes Recht registriert.

Was heute in Kurdistan geschieht, ist ein anderes Gesicht dieser uralten Gezeiten.

Die Kräfte der HPG/YPG [kurdische Volksverteidigungseinheiten in Syrien] haben gegen den mit einer von niemandem hinnehmbaren Brutalität stattfindenden Vormarsch der IS-Soldaten unter unmöglichen Umständen allein durch den Widerstand mit ihrem Leben ein unabdingbares Bedürfnis in der Region sichtbar gemacht. Die Notwendigkeit von Selbstverteidigungsstrukturen angesichts von hemmungsloser, brutaler Gewalt der Mächtigen gegen die schutzlose Bevölkerung. Aus traditioneller Gewohnheit heraus kam sofort die Diskussion über eine „Armee“ auf.

Solche Prozesse sind Momente der Prüfung, die das Leben vor uns hinstellt. Momente wie die, in denen der Mann seine Tränen verlor.

Die kurdische Freiheitsbewegung hat viele solche Prozesse durchgemacht. Und jedes Mal entschied sie sich für das Recht und die Kraft der Machtlosen, die sich auf die Legitimität im Gewissen der Völker stützt. Ich denke, es wird auch dieses Mal so sein. Denn die PKK-Bewegung und ihre Führung sagt seit langem Selbstverwaltung statt Staat. Ich glaube nicht, dass sie die Auffassung bilden, Armeen seien die Aggressionskraft des Nationalstaates, dass sie den Effekt der Reproduktion ihrer selbst außer Acht lassen. Ich denke, sie werden den Weg zur Freiheit weitergehen, indem sie das Konzept Armee aus unseren Lebensbereichen tilgen und stattdessen die Selbstverteidigung stärken. Ich hoffe und wünsche mir, dass ich mich nicht täusche.

„Es ist wichtig, was du tust, aber es ist auch wichtig, wie du es tust“, sagt man.

Das Männliche stellt das Ziel in der Vordergrund. Das Weibliche dagegen den Weg zum Ziel. Für das eine ist jeder Weg zum Ziel recht, für das andere gilt: „Was zum Ziel führt, ist die Leidenschaft für den Weg, die nährenden Gaben des Weges und sein Atem, der Freiheit erweitert“. Beide erreichen – im engeren Sinne – das Ziel. Doch die Spuren und das, was sich zeigt, wenn sich der Staub des Augenblicks legt, sind verschieden. Selbst wenn es um das legitimste Ziel geht, bei dem einen, dem Männlichen, das gar nicht sieht, wie es was zerschlägt, ist es die Reproduktion des singulären Phänomens von „Macht“. Bei dem anderen dagegen das Gefühl von kollektivem Zuwachs, Erweiterung und kreativer Freiheit, in dem sich jede*r, der/die beigetragen hat, wiederfinden kann.

Jede Herrschaft konzentriert sich auf den Schutz der Mehrheiten, die ihre Macht aufrecht erhalten und nachhaltig machen. So werden Armeen geschaffen.

Gegen Freiheitskämpfe spielen sie, um sie sich durch Angleichung einzuverleiben und zu assimilieren, eine ihrer letzten Karten aus. Sie ziehen sie in die fruchtlose Falle von Sicherheitsdenken. Zu welchem Zweck auch immer sie aufgestellt wurden, früher oder später greifen sie an. Schlussendlich greifen sie an, um ihre Funktion zu erfüllen. Auf dieser Grundlage reproduzieren sich die Sicherheitsindustrie und ihre diversen Räder unablässig. Gibt es Waffen, hat man sie ständig vor Augen, dann werden sie eines Tages, im schwächsten Moment, auch benutzt.

Wieder Brände, wieder Zerstörungen, wieder Tränen. Wieder wird alles stockfinster und totenstill und man weiß nicht mehr, wer im Recht und wer im Unrecht ist.

Wenn die Völker die „Herrschaft“ in sich abtöten, sich daran machen, den „Machtgott“ von seinem Thron zu vertreiben, die Forderung: „Ich will eine Welt, in der es nicht mehr nötig sein wird, dass du mich beschützt, eine Welt, in der es keine Aggression und sie fördernde Instrumente gibt“ an den Inhaber von „Herrschaft“ zu stellen, dann werden andere Mittel auftauchen, schlicht und naiv wie die Herzen rührende Tränen, aber stark. Vielleicht werden dann auch die Tränen der Männer befreit. Es ist, als fänden Gewalt, Zerstörung und Genozid erst dann ein Ende, wenn die Tränen der Männer befreit sind. Denn wir, die wir auf Mutter Erde hören, wissen, es ist die läuternde Schlichtheit von Tränen, die Brände löscht. Und nicht die unablässig neue Brände verursachenden Regierungen, Armeen und „Herrschafts“bereiche!

Fazit: „Grenzenlose Welt, staatenlose Gesellschaft, Selbstverteidigung ohne Armee“

Amed, 9. September 2014

* Aus dem Gedicht „Herrschafts“-Geschichten, 1982, Şehbal Şenyurt

[1] Trillern ist die traditionelle Form kurdischer Frauen, Freude, Trauer oder Protest auszudrücken. (Anmerkung der Übersetzerin)

[2] kurdischer Name von Diyarbakır


Eine zusätzliche Anmerkung:

Es sieht so aus, als würden repressive Irrwege zunehmen und als werde es schwierig, diese Probleme zu überwinden, solange man sich dem Tod nicht stellt, die Sache mit der Angst vor dem Tod nicht ernsthaft angeht und, so will ich meinen, sich mit dem Tod nicht aussöhnt.

Nürnberg, 30. April 2020

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe