Solidarität mit dem Widerstand in Afrin!

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Seit Tagen werden, genauso wie in vielen anderen Städten Europas und der Welt, auch die Nürnberger_innen in der symbolträchtigen Stadt der Menschenrechte Zeuge von Demonstrationen, Kundgebungen und Protesten, zu denen unter dem Motto „Die Bevölkerung Afrins ist nicht allein“ aufgerufen wird. Jeden Tag gibt es zu verschiedenen Tageszeiten und an verschiedenen Plätzen Nürnbergs Aktionen. Genauso wie in vielen anderen Städten der Welt.

Nürnberger Freund_innen aus meinem näheren Umfeld fragen: „Warum? Wo ist Afrin? Was geschieht dort? Wer organisiert diese Protestaktionen und was sagen sie?“ Und noch viele weitere Fragen.

Anscheinend wäre es sinnvoll, diese Aktionen, die ihre mehrheitlich kurdischen Nachbar_innen, mit denen sie seit Jahren hier in Nürnberg zusammen leben, mit diesen Aktionen beabsichtigen und diese schmerzhaften Forderungen zu erklären.

Afrin befindet sich im Nordwesten Syriens, das seit 2011 alle Leiden des Krieges erlebt hat, direkt an der türkischen Grenze. Es ist eine Stadt, deren ehemals 400.000 Einwohner_innen starke Bevölkerung durch die vom Krieg ausgelöste Migrationswelle kurz davor steht, die 1-Million-Marke zu knacken. Es ist eine der wenigen ruhigen Städte, in die die Syrer_innen flüchten, da dort die radikal islamistischen Gruppen, vor allem der IS, keinen Fuß fassen konnten. Es ist einer der Kantone der Demokratischen Föderation Nordsyrien, welche entlang der türkischen Grenze unter Kriegsbedingungen aufgebaut wurde. Die anderen sind Cizire, Kobane und Şehba. Kurd_innen, Araber_innen, Jesid_innen, Alevit_innen, Assyrer_innen/Nestorianer_innen/Chaldo-Assyrer_innen, Armenier_innen, Tscherkess_innen, Turkmen_innen und Tschetschen_innen… Viele Völker erleben zusammen den Etablierungsprozess ihrer eigenen Selbstverwaltung und ihres eigenen demokratischen Lebens. Trotz der seit Jahren herrschenden Kriegsbedingungen – der IS-Brutalität und des sie umgebenden Feuergürtels – gründen all diese Völker, angeführt vor allem durch Frauen, ihre Räte, führen Wahlen durch und bestimmen ihre Regierungen gemeinsam und versuchen ein demokratisches Modell aufzubauen, welches in der Geschichte der Region seinesgleichen sucht. (Die Darstellung dieses Models würde eines sehr langen Textes bedürfen; aus diesem Grund gehe ich an dieser Stelle nicht darauf ein.)

Der Widerstand in Kobane, der nicht nur für die Kurd_innen oder die Völker der Region, sondern für alle Völker der Welt von symbolischer Bedeutung ist, ist nicht vergessen. Der Angst und Schrecken verbreitende IS schien bis dahin unbesiegbar zu sein. Verschiedene Personen und Institutionen diskutieren darüber, dass der IS von der Erdogan-Regierung insgeheim unterschiedliche Arten von Unterstützung erhielt. In Kobane zahlte das kurdische Volk einen äußerst hohen Preis, um den IS aufzuhalten. Und der Widerstand in Kobane ging als Anfang vom Ende des IS in die Geschichte ein.

Und jetzt erlebt Afrin, ein anderer Kanton Nordsyriens, seit dem 20. Januar schwere Bombardements der türkischen Regierung. Das türkische Militär versucht unter dem Vorwand der Grenzsicherheit gemeinsam mit radikalen Gruppen Afrin zu besetzen. Obwohl es bekannt ist, dass von Afrin für die Türkei keine Gefahr ausgeht, sogar nicht einmal  aus Versehen ein einziger Schuss in die Richtung fiel. Auch die Statements der Menschenrechtsorganisationen, der UN und des UNICEF bestätigen, dass Dutzende Zivilist_innen, darunter auch viele Kinder, ihr Leben verloren.

Diejenigen, die durch diesen Invasionsversuch ermordet wurden, sind Geschwister, Verwandte, Freund_innen von Nürnberger Kurd_innen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass dadurch das für die Emanzipation von Frauen stehende demokratisch-ökologische Selbstverwaltungsmodell erstickt werden soll , das vom kurdischen Volk vorgesehen und von anderen dort ansässigen Völkern angenommen und mit aufgebaut wurde und heute die Friedenshoffnungen der Völker der Region verkörpert.

Genauso wie im Balkan und in vielen anderen Teilen der Welt existieren auch im Nahen Osten Dutzende von verschiedenen Völkern und Glaubenssystemen nebeneinander. Die Staaten, die vor allem entlang der nach dem Ersten Weltkrieg an politischen Verhandlungstischen vereinbarten Grenzen ins Leben gerufen wurden, leugnen die Existenz dieser Völker und basieren auf einer einzelnen ethnischen Identität. Die Türkei wurde zum Land der Türk_innen, der Iran dem der Perser_innen, der Irak und Syrien zu Ländern der Araber_innen. Die anderen Völker/Glaubensgemeinschaften wurden in diesen und ähnlichen Ländern dazu gezwungen, der Möglichkeit beraubt, sich frei auszudrücken, ein Leben unter dem Druck der hervorgehobenen ethnischen Identitäten führen. Genauso wie Assyrer_innen, Armenier_innen, Tscherkess_innen und die anderen Völker in der Region fand sich auch das kurdische Volk sich an politischen Verhandlungstischen des 19. Jahrhunderts – in der Türkei, dem Iran, Syrien und dem Irak – in vier Stücke gerissen. Sie überquerten jahrelang die innerhalb ihrer Heimat errichteten künstlichen Grenzen, um ihre Geschwister, Verwandte und Freund_innen zu sehen. Sie litten und leiden große Qualen. Das 20. Jahrhundert war das Zeitalter, in dem die Völker die Forderung, sich als sich selbst auszudrücken, erhoben. Und nun sind wir durch die globalisierte Wirtschaft und aus vielen anderen Gründen am Ende der monistischen Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts angekommen. Aber die Strukturen/Länder/Diktaturen, die kein neues Modell entwickeln konnten bzw. die Räderwerke ihrer Interessen nicht zerschlagen sehen wollen, versuchen sich an alten/altbekannten/repressiven Methoden festzuklammern.

In der Türkei sitzt das 15-jährige Erdogan-Regime aufgrund der Korruption, der Regelwidrigkeiten und der Kriegsverbrechen, die es dem Ende der mit der kurdischen Befreiungsbewegung halbherzig geführten Friedensgespräche beging, immer mehr in der Klemme. Und es schreckt sich nicht vor blutigen Schritten zurück, um die nationalistische Unterstützung am Leben zu halten, in der es seine Rettung aus dieser Klemme sieht. Das Erdogan-Regime nimmt Oppositionelle rechtswidrig fest, steckt sie in Gefängnisse und versucht sie zu unterdrücken. Es träumt davon, von Journalist_innen über Schriftsteller_innen und Akademiker_innen bis hin zu Ärzt_innen alle Verteidiger_innen des Lebensrechts zu unterdrücken bzw. auszulöschen, und erklärt all diejenigen, die laut Frieden fordern, zu Terrorist_innen. Es versucht mithilfe seiner Gewehre, Panzer und schweren Geschütze ein neues und freies Vorbild brutalerweise an seiner Entstehung zu hindern und nimmt dabei keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung.

Sehr sehr sehr kurz zusammengefasst: das ist, was in Afrin geschieht.

Wie oben erklärt, die PYD und die Volksverteidigungseinheiten YPG/YPJ, die die Türkei zu kriminalisieren versucht, versuchen trotz der Kriegsbedingungen als eine demokratische Kraft in der Region in Solidarität mit verschiedenen Völkern und Glaubensgemeinschaften – unabhängig davon, ob sie in Mehrheit oder in Minderheit sind – von der Wirtschaft über die Ökologie bis hin zur Wirkung der Geschlechterrollen auf die rotierenden Führungen ein neues Modell zu entwerfen. Die Zusammenführung der Kantone entlang der Nordgrenze Syriens würde eine Stärkung der demokratischen Prozesse in der Region bedeuten.

Dieses Modell stellt eine Bedrohung für die nationalistischen und rassistischen Tendenzen innerhalb der Türkei dar, die die Herrschenden oft, ihren Bedürfnissen entsprechend, stärken oder schwächen. Wenn sich dieses Modell entfalten und institutionalisieren kann, wird eine sehr wichtige psychologische Waffe, die gegen die Völker eingesetzt wird, von der Welt geschaffen, die Herrschenden eines brutalen Spielzeugs wie „Nationalismus“ beraubt werden.

Das ist eine Bedrohung für alle Diktatoren, allen voran für Erdogan. Und natürlich auch für schmutzige Waffengeschäfte.

Aus diesem Grund wurde das demokratische Vorbild, das in Nordsyrien im Entstehen begriffen ist, zur Zielscheibe aller repressiven Regierungen alten Stils.

Erdogan, der durch den großen und schweren Kampf, den die demokratischen Kräfte in der Türkei trotz hoher Preise, die sie zu zahlen hat, wie Gefängnisstrafen, Rauswürfe aus den Arbeitsplätzen und erzwungener Auswanderung innenpolitisch in Schwierigkeiten geriet, versucht in Afrin die letzte Chance nicht zu verpassen, um die während des Widerstands in Kobane offensichtlich gewordenen Kriegsverbrechen und Waffengeschäfte nicht verantworten zu müssen.

Während dessen sterben nach wie vor Zivilist_innen, Kinder und Frauen. Und der Waffenhandel wird geschäftig weiter getrieben. Die Waffenfabriken beuten immer mehr natürliche Ressourcen aus, um neue, „entwickeltere“ „Werke“ zu produzieren. Wen interessieren alltägliche, einfache Leben, wen interessieren Schildkröten und Schmetterlinge, wen interessiert die Erderwärmung?

Wenn man all das für diejenigen, die nicht jeden Tag mitten im Bombenhagel verbringen, so schnell zusammenfasst, ergreift einen eine kalte Schauer.

Unter dieser hohen Politik kann man nur im warmen, heilenden Herzen der Völker Zuflucht suchen, die das Leiden des Krieges immer noch in in ihrem Gedächtnis haben.

Deswegen gehen Kurd_innen, ihre Freund_innen und alle Völker, die Frieden fordern, überall auf der Welt auf die Straße und erheben ihre Stimme, um die Solidarität gegen diese Invasion zu vergrößern, und rufen „Hoch die internationale Solidarität!“

Sie appellieren an die führenden Politiker des Landes, dessen Bürger sie sind bzw. in dem sie leben: „Wir wollen keine Besorgnisbekundungen, wir wollen Frieden!”

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