„Endlich ein Platz fürs Lebenkönnen“

Die verfolgte türkische Journalistin Şehbal Şenyurt Arınlı war am Donnerstag zu Gast im
Nürnberger Presseclub. Sie sprach über ihre Arbeit in der Türkei, ihre Erleichterung darüber, jetzt in Deutschland sein zu dürfen und zeigte Ausschnitte aus ihren Dokumentarfilmen. Die Geschehnisse, die Şehbal Şenyurt Arınlı schildert könnten einem Agententhriller entstammen. Es sind die 1990er Jahre in der Türkei. Der Konflikt zwischen der kurdischen PKK und der türkischen Regierung in Ankara spitzt sich zu. Das Militär räumt gewaltsam zahlreiche Dörfer im Südosten des Landes.

Inmitten dieser Gemengelage will Arınlı über das berichten, was sie in Nordkurdistan mit eigenen Augen gesehen hat: „Ich wurde Zeuge schlimmer Vorfälle, es gab sogar Folter“, berichtet die Journalistin. Nachrichten, die in einem Umfeld strenger Zensur keine Chance auf Veröffentlichung haben. Doch Şehbal Şenyurt Arınlı will, dass die Öffentlichkeit Kenntnis
nimmt von der Brutalität und den Grausamkeiten in Nordkurdistan. Ihr gelingt es, Dokumente und Kassetten mit ihren Berichten an befreundete Journalisten im Ausland weiterzureichen. So erhält die Welt unmittelbar Einblick in den schmutzigen Konflikt in der Türkei.

Ein neues Leben in Nürnberg
Es sind Aktionen wie diese, die dazu geführt haben, dass Şehbal Şenyurt Arınlı bei der türkischen Regierung schon lange in Ungnade gefallen ist. Unter Erdogan spitzte sich die Situation jüngst zu. Im Jahr 2017 saß die 56-Jährige sogar kurzzeitig in Untersuchungshaft. Sie entschloss sich zur Flucht nach Deutschland. „Wir sind durch die Böll-Stiftung auf ihren Fall aufmerksam geworden. Zum Glück hatten wir gerade einen Platz in unserem Programm frei“, berichtet Franziska Sperr, Vizepräsidentin des deutschen P.E.N., einer internationalen Autorenvereinigung. Der P.E.N. vergibt Stipendien an Journalisten und Schriftsteller, die in ihrer Heimat politisch verfolgt werden. Die Stipendiaten erhalten drei Jahre lang eine kostenlose Wohnung, ein monatliches Stipendiatengeld und eine Krankenversicherung. Die Wohnung für Şehbal Şenyurt Arınlı stellt die wbg Nürnberg
kostenfrei zur Verfügung. „Wir wollen den Start in ein neues Leben erleichtern“, erklärt Sperr. „Wir motivieren außerdem dazu, die journalistische Arbeit wieder aufzunehmen.“
Seit September letzten Jahres lebt Arınlı nun in Franken. Wenig Zeit um Deutsch zu lernen, eine Dolmetscherin übersetzt für die Gäste im Presseclub simultan. Die Kamerafrau und Produzentin hat bereits für die BBC, CNN und die Nachrichtenagentur Reuters gearbeitet. Doch Arınlı, die auch Schriftstellerin ist, beherrscht auch die leisen, belletristischen Töne. Das Publikum im Marmorsaal des Presseclubs hört aufmerksam zu, als Franziska Sperr die deutsche Übersetzung eines autobiografischen Textes verliest, den Şehbal Şenyurt Arınlı wenige Tage nach ihrer Ankunft in Deutschland geschrieben hat. „Endlich eine Atempause für meinen Geist. […]. Endlich eine Oase. Endlich ein Platz fürs Lebenkönnen“, heißt es da.

Die Themen ihrer Filme – eine Provokation für die Mächtigen
Arınlı stammt aus einer Kleinstadt am schwarzen Meer, wie sie erzählt. „Dort habe ich schon als Kind die Stimmen der Armenier und Griechen gehört, die nach und nach aus der Stadt verdrängt wurden“, berichtet sie. Antennen für die Nöte und Ängste der Minderheiten in der Türkei entwickelte sie also schon früh.
Bei ihrem Auftritt im Presseclub zeigt die türkische Journalistin auch Ausschnitte ihrer
Dokumentarfilme. Nie tritt sie dabei selbst in Erscheinung, nie kommentiert sie die Bilder.
Stattdessen lässt sie die Menschen direkt und ungefiltert zu Wort kommen, untermalt die Sequenzen mit eindrucksvoller Musik. Frauenrechte in der Türkei, die Probleme der Minderheiten, die Kurdenfrage – ihre Filme sind für die Herrschenden stets unbequem. Wenig verwunderlich also, dass die türkische Justiz im vergangenen Jahr versuchte, Şehbal Şenyurt Arınlı einzuschüchtern. In Nürnberg fühlt sie sich jetzt wesentlich wohler. „Mir gefällt, dass die Nürnberger sich an ihre Geschichte erinnern“, sagt sie in Anspielung auf die prächtige Altstadt aber auch die schwarzen Kapitel der Stadt zu Zeiten des Dritten Reiches. Mit Blick auf die Nürnberger Prozesse meint sie: „Ich lebe jetzt in einer Stadt, die den Nationalsozialismus verurteilt hat – das gefällt mir sehr.“ Die Entwicklung ihrer alten Heimat beurteilt sie derweil eher pessimistisch: „Kurzfristig sehe ich keine positive Zukunft für die Türkei – zum Glück gibt es aber auch einen starken Widerstand.“


Dominik Mayer

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