Solidarisch gegen organisierte Übergriffe

Die folgenden Notizen schrieb ich am 18.12.2020 nieder. Wie so vieles, was ich nicht veröffentlichte, legte ich sie zur Seite.

Nach dem Überfall auf den Journalisten Erk Acarer hier in Deutschland, in Berlin vor seinem Haus, habe ich das Bedürfnis, noch einige Zeilen hinzuzufügen und diese Notizen zu veröffentlichen.

Einige Zitate aus dem Text:

„Die laufenden Gerichtsverfahren sind derart unsinnig, dass man nicht einmal darüber sprechen möchte!

Die Türkei macht die Menschen wirklich krank!

Die Krankheit breitet sich aus! Dieses Land ist schlicht und ergreifend ein Krankheitserreger.

Es fürchtet sich vor einem Leben ohne Krankheit, weiß nicht, wie ein Leben ohne eine das Land und sein Volk auffressende Krankheit ist, und will es auch nicht herausfinden. Es klebt an seinen Verbrechen und hat Angst, ohne diese zu zerfallen.

Die Werte des Lebens eine Lügen, eine Blase … so schwach eben. Und so krank.

Und ebenso stark. Gehüllt in vielschichtige Panzer der Angst, verschlingt es jeden, der diese Blase zum Platzen bringen könnte. Seit vielen Jahren. Seit seiner Gründung.

Das Land versteht weder die sich verändernde Welt, noch das sich ändernde Wertesystem, noch sich selbst. Es versinkt immer tiefer in dem Geflecht aus Nationalismus und Religion, in dem es gefangen ist, und ertränkt darin seine Bürger. Aus der Unfähigkeit, sich auseinanderzusetzen, bilden sich Fäulnis und ein Sumpf der Verbrechen, in denen sich die Krankheit in unfassbarem Ausmaß ausbreitet.

Dabei verstrickt es nicht nur sich und seine Menschen in Schuld, sondern exportiert die Krankheit in die Welt, ja, die Regierungen der Länder mit anti-demokratischen Tendenzen, die verkünden, ah, so können die Dinge auch laufen, nehmen sich die Türkei und ihresgleichen sogar als Beispiel. Die übrigen Länder werden bestochen – mit dem Kauf von Waffen und Flugzeugen, dem Spielen mit der Karte der mitverursachten Flüchtlinge und dem Drohen mit radikalen Glaubensgruppen, die es selbst genährt hat … Indem es sich das Fehlen der Opposition zunutze macht, die es mit aller Kraft zu vernichten versucht hat. Auf diese Weise verbreitet das Land seine Verbrechen und exportiert seine Krankheiten. So vergingen die vergangenen zehn, fünfzehn Jahre dieser Welt.

Es fällt schwer, den Verstand zusammenzunehmen, die Wut umzuwandeln.

Zumeist bemerken wir gar nicht, dass es sich hierbei um eine Krankheit handelt und dass von Autokraten oder Diktatoren gelenkte Länder wie die Türkei die Ursache für die aus einer Schuld oder vertuschten Verbrechen entstehende Krankheit sind. Bei dem Versuch, Antworten auf die täglich auf uns niederregnenden neuen Probleme zu finden, ist es schwer, diese Krankheit zu analysieren.

  Denn unsere Seelen sind bei dem, der sich Kilometer entfernt „Arbeit und Brot“ in die Handfläche schrieb und Selbstmord beging; einem Bauern, der von Staatsbediensteten aus einem Hubschrauber geworfen wurde, oder einer Mutter, die seit Jahren Gerechtigkeit fordert, nachdem ihre Kinder ermordet oder verschleppt wurden, oder bei denen, die in den Gefängnissen entschieden, in Hungerstreik zu treten, oder bei denen, deren Häuser am frühen Morgen durchsucht werden … oder … oder …

Die Staatsräson nimmt Rache und vertraut dabei so wenig auf die verlogenen Werte, auf der sie seit hundert Jahren aufbaut, dass sie Rache spuckt aus Angst, diese selbst errichteten Lügenmauern könnten einstürzen.

Warum sitzt Osman Kavala im Gefängnis? Selahattin Demirtaş und all die anderen? Warum sind all diese wertvollen Menschen, die ihr Land, ihre Landsleute, die Völker der Erde lieben, die Fragen stellen und dunkle Vorhänge öffnen, im Gefängnis, im Exil oder im Grab? Warum wird jegliche Art von Opposition bei der kleinsten Bewegung ohne mit der Wimper zu zucken, im Keim erstickt? Seit vielen Jahren … Bekannte Fragen, bekannte Antworten.

Sie nehmen Rache, spucken Hass, verbreiten Böses.

Rache, weil wir seit vielen Jahren nicht schweigen und uns gegen jede Art von Unrecht wehren. Sie vergessen nicht, sie häufen an.

Hass, weil wir allein durch unsere Existenz ihre aus Lügen gestrickten Welten unverblümt ans Licht bringen, weil wir jede ihrer Taten eine nach der anderen aufzeigen, weil sie mangels wirklich anklagenswerter Beweise gezwungen sind, Zuflucht in mageren, sinnlosen Worten zu suchen.

 Böses, weil sie diesen Jahrhunderte alten Verbrechensumpf aus all den von ihnen zugefügten Gewalttaten nähren, einen tiefen, bodenlosen Sumpf, einen sich immer weiter ausbreitenden Verbrechenssumpf, den man mit Schweigen, Druck und Massakern zu verbergen versucht.       

 Gäbe es ein Gericht, so hätten wir Millionen Beweise für die Gräueltaten, die sie begingen, wären wir die Ankläger. Wir sind die Ankläger.

Die Staatsräson hat Angst, sie fürchtet, dass all die Lügen in jenen Werten des Lebens eine nach der anderen ans Licht kommen. Seit dem Völkermord an den Armeniern. Seit dem Massaker in Dersim. Seit den unzähligen Verbrechen bis heute … Sie hat Angst! Sie spuckt Rache, indem sie zu ihren Verbrechen weitere Verbrechen hinzufügt, und mit jeder neuen Schuld auf ihrer Liste steigt ihre Angst.

Und sie macht krank. Indem sie ihre eigene Paranoia und ihr pathologisches Festhalten an nicht wieder gut zu machenden Verbrechen verbreitet, infiziert sie ihre Menschen und die Welt, indem sie sie zu Komplizen macht. Sie infiziert nicht nur mich und unsere Gesellschaft, sondern die ganze Welt und ihre Völker! Und wenn die ganze Welt krank ist, wird die Krankheit zur Normalität! An den meisten Orten ist es schon so.

Zum Glück gibt es noch uns Antikörper, die, wenn auch mit Mühe, immer noch wirken.

Seit die obigen Zeilen geschrieben wurden, ist das mafiöse Gesicht des türkischen Staats mittels Leuten aus den eigenen Reihen offen zutage getreten. Das schmutzige Beziehungsgeflecht, das Journalisten und Aktivisten seit vielen Jahren zur Sprache bringen und viele Länder auf der Erde direkt betrifft, wurde inzwischen anhand von Geständnissen dokumentiert. Alles Themen für das internationale Recht und die internationalen Menschenrechtstribunale.

Diejenigen, die diese Tatsachen zur Sprache bringen, sitzen weiterhin im Gefängnis oder werden im Exil attackiert.

Erwarten die europäischen Regierungen etwa so wie die nicht-oppositionelle „Hauptopposition“ in der Türkei von einem derart manipulierten Land immer noch „Wahl-“Ergebnisse, um das internationale Recht anzurufen oder zumindest diesem diktatorischen Regime die Unterstützung zu entziehen?

Auf welches Unrecht, welche Gewaltwelle warten sie noch, um endlich in Aktion zu treten?

Ein Angreifer aus dem bis in die europäischen Hauptstädte reichenden Verbrechernetz attackierte gestern den Journalisten Erk Acarer. Wir können nicht wissen, was gegen wen noch alles geplant ist.

Wiederholen wir noch einmal die Frage, die wir bereits häufig bei verschiedenen Anlässen gestellt haben: Wie lange noch wollen die Länder Europas den verrotteten AKP-MHP-Mafia-Staat unterstützen? Wie lange noch wollen sie mit dem Argument der Geschäftsbeziehungen und des Flüchtlingsproblems die Quelle der Gewalt speisen, die schon seit Langem an ihren Türen klopft? Werden sie wieder nur „aufs schärfste“ verurteilen und dann weitermachen? Werden sie weiterhin darauf warten, dass vom Erdoğan-Regime geschaffene und auf die Welt losgelassene Mörder aus IS-ähnlichen Strukturen ihre Hauptstädte attackieren? Wann werden sie begreifen, dass die zur Normalität werdende Gewalt auch ihre eigenen Gesellschaften vergiftet?

Fürth, 08.07.2020

Links- auf türkisch

https://artigercek.com/haberler/orgutlu-saldirilara-karsi-dayanisma-ile

Örgütlü saldırılara karşı dayanışma ile…