Online – Lesung (Türkisch-Deutsch)

„Eine virtuelle Reise in die Welt der Sprachen“ Tag der Muttersprache – MOIN e.V

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Ein paar subjektive Notizen über das RECHT AUF MUTTERSPRACHE

Verlorenen Stimmen auf der Spur

Vom Buch “Leben aus dem Koffer”

Ich habe versucht, alle Sprachen zu erlernen, die mir auf der Spur verlorener Stimmen unterkamen.

Die erste Sprache, die ich mich zu lernen bemühte, war die Stimme des Baumes, über den meine Großmutter sagte: „Danke ihm, wenn du seine Frucht isst, bitte ihn um Erlaubnis, bevor du einen Zweig von ihm brichst“; die Sprache des Schmetterlings, über den sie sagte: „Verletze ihn nicht“; die Sprache des Feuers und Wassers, über die sie sagte: „Verschmutze sie nicht“.

Die Sprache, die mich beherrschte, war das Istanbuler Türkisch. Das habe ich immer geliebt. Der spöttischen Verachtung für Regiolekte, die in harmonischem Verhältnis zu Griechisch, Lasisch, Armenisch, Bosnisch, Adygeisch, Russisch und wer weiß welchen anderen, mir unbekannten Sprachen, standen, waren wir uns in der Provinz, in der ich lebte, nicht bewusst. Erst sehr viel später sollten wir erfahren, warum Wörter daraus stets in Istanbuler Türkisch korrigiert und verdrängt wurden.

In der Schule war Englisch obligatorisch, auch das lernte ich.

Dann kam mir Russisch unter. Wir erfuhren von der sowjetischen Revolution, es gab Gorki, Dostojewski, Tolstoi. Ich kümmerte mich ein wenig um Russisch.

Stimmen wie der lasische Dialekt (!), der später in den Rang einer „unbekannten Sprache“ erhobene Dialekt (!) der „Bergtürken“[1] (!) tönten uns schon lange in den Ohren. Doch damals hatten die Sprachen der Erde mich noch nicht gerufen. Ich wusste noch nicht, dass die menschliche Gemeinschaft rund 5700 – 6000 Sprachen spricht, dass nur 10 Prozent dieser Sprachen von nahezu 90 Prozent der Weltbevölkerung gesprochen werden, dass die anderen 90 Prozent der Regionalsprachen, denen Tag für Tag in der dominanten Lebensform der Atem ausgeht, bis sie sterben, durch Ausbeutung der Kultur und Natur, des Lebensraums und des uralten Wissens auf nur 10 Prozent der Bevölkerung eingezwängt werden.

Damals erschütterte das Massaker von Sabra und Schatila im Libanon die Welt. Um meine palästinensischen Freunde zu verstehen, begann ich, Arabisch zu lernen. Das lief ganz gut.

Dort freundete ich mich mit Aramäern an und wollte Aramäisch lernen. Das wurde ein Mischmasch mit Arabisch, damit kam ich nicht klar. Als ich auf den Begriff Genozid traf, fiel mir ein, wie die Familie meiner Mutter in meiner Kindheit bei Kerzenlichtunterhaltungen voller Sehnsucht im Flüsterton von ihren „von der Schippe gesprungenen“ Freundinnen und Freunden erzählte. Armenisch war schwierig, das ließ ich aus.…………………………………….

………………..Ich hatte erlebt, dass sich mit jeder Sprache, die ich mich zu lernen bemühte, meine Gewohnheit, in ein neues Universum einzutauchen und mich mit den Problemen des Lebens auseinanderzusetzen, erweiterte. Man kann sich kaum vorstellen, welch uraltes Wissen mit all den Sprachen, die man uns raubte, begraben wurde.

Ich weiß, dass ich jetzt mit den mühsam erworbenen prekären Stimmen stumm bin. Stumm und tonlos im Exil meiner Stimme.

Die Suche nach der verschollenen Stimme in dir ist ein feiner Schmerz, der einen umtreibt, das weiß, wer es erlebt hat. Schwierig einzuschätzen, schwierig umzukehren. Um eine Sprache am Leben zu erhalten, muss das gesamte Ökosystem der Community weiterleben. Uns unserer Sprache anzunehmen, bedeutet, uns unserer Erde, unserer Existenz anzunehmen.

Kurz: bê zıman jîyan nabê. (Kurdisch: „Ohne Sprache kein Leben!“)

(Der obige Text ist von 2013.)

Vom Buch “Leben aus dem Koffer”

Übersetzung – Sabine Adatepe